35 Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal „Traumarbeit“ – Ein kritischer Vergleich der Perls‘schen Konzeption mit der Gestalttheoretischen Psychotherapie Gerhard Stemberger (Wien und Berlin) Fritz Perls kommt das Verdienst zu, mit seinen Vorschlägen zur „Traum- arbeit“ in den 1960er-Jahren ein neues Kapitel im Umgang mit Träu- men in der Psychotherapie auf- geschlagen zu haben. Er war wohl nicht der erste und auch nicht der einzige, aber sicher einer der wirk- mächtgsten unter den Psychoana- lytkern, die – aufauend auf den Pionierleistungen Sigmund Freuds, aber zugleich auch in Abgrenzung dazu – den KlientInnen einen akt- veren, im Hier und Jetzt erleben- den und inszenierenden Zugang zu ihren Traumerinnerungen vorschlu- gen. Auch in den ersten Jahren der Entwicklung der Gestaltheoret- schen Psychotherapie im engeren Sinne¹ war eine gewisse Anlehnung an Perls’sche Ideen zur „Traumar - beit“ durchaus gebräuchlich. Vie- les von dem, was im Folgenden zur Klärung der eigenen Positon in Ab- grenzung zu Perls‘ Aufassungen gesagt wird, wäre nicht so zu for- mulieren gewesen, häte es vorher nicht Perls‘ Gedanken gegeben und vor ihm die von Freud. In seiner Abgrenzung von Konzep- ten der Psychoanalyse nimmt Fritz Perls für die Gestaltherapie² das Prinzip in Anspruch: Interpretere nie einen Traum! Bei näherer Be- Zusammenfassung Der Beitrag vergleicht Theorie und Pra- xis der „Traumarbeit“ in der Psychothe- rapie, wie sie von F. Perls verstanden und vorgeschlagen wurde, mit den Vor- stellungen und dem Herangehen in der Gestaltheoretschen Psychotherapie. Es zeigen sich in der praktschen Vor- gangsweise Ähnlichkeiten, die allerdings bei näherer Betrachtung eher oberfäch- licher Natur sind. Die Leitdeen und Ziele der beiden Konzepte unterscheiden sich wesentlich voneinander, was sich bei nä- herer Betrachtung auch in Unterschie- den in der Praxis bemerkbar macht. trachtung stellt sich allerdings he- raus, dass sein ganzes Verständnis des Traums und seine Anleitung für den Umgang mit Träumen selbst wiederum auf nichts anderem als einer sehr speziellen Interpretat- on des Traums aufaut. Diese sei- ne Interpretaton geht viel weiter als jede konkrete Teilinterpretaton von Geschehnissen und Symbolen in Träumen. Perls interpretert den Traum nämlich im Ganzen so, dass jeder Aspekt des Traums ein Anteil der träumenden Person sei , ein An- teil, den sie in gewissem Maße von sich abgespalten und auf andere Objekte projiziert hat. Die gesamte vorgefundene Traumwelt besteht für Perls also aus nichts anderem als der träumenden Person selbst – auch alles, was dieser im Traum als Außenwelt erscheint, ist nichts als eine Ansammlung von projizierten Anteilen ihrer selbst. Die Träumerin und ihre Welt Diese extreme Positon des Solip- sismus (in der der Mensch mit sich selbst allein ist und außer ihm gar keine Welt mehr existert) 3 sieht Perls durch die Tatsache gerecht - fertgt, dass im Schlafzustand die sensorischen Verbindungen zur Au- ßenwelt des menschlichen Orga- nismus weitgehend unterbunden sind. Seine Schlussfolgerung: Sind die Verbindungen zur Außenwelt unterbrochen, kann das, was mir im Traum als Außenwelt erscheint, auch nicht wirklich die Außen- welt sein, es muss sich bei diesen Erscheinungen um Teile von mir selbst handeln, die erst durch Pro- jekton „nach außen“ gelangt sind. In der Gestaltheorie werden der - artge Aufassungen abgelehnt, sie beruhen im Übrigen auch aus neu- rophysiologischer Sicht und aus Sicht der Bewusstseinsforschung auf einem Kurzschluss. Ein solcher Kurzschluss ist der Gestaltheo- rie schon deshalb fremd, weil in ihrer Denktraditon die Leib-See- le-Zusammenhänge diferenzier - 1 Mit Gestaltheoretscher Psychotherapie im engeren Sinne ist der Ansatz gemeint, der unter dieser Bezeichnung ab Ende der 1970er-Jahre auf In- itatve von Hans-Jürgen P. Walter und des Arbeitskreises Psychotherapie der Gesellschaf für Gestaltheorie und ihre Anwendungen (GTA) vorerst im deutschsprachigen Raum entwickelt wurde. Die Geschichte der klinisch-psychotherapeutschen Anwendung der Gestaltheorie und damit die Geschichte der gestaltheoretschen Psychotherapie im weiteren Sinn gehen demgegenüber bis in die 1920er-Jahre zurück und umfassen Entwick- lungen in einer Vielzahl von Ländern. ² Wenn im Folgenden auf Theorie und Praxis der „Traumarbeit“ bei Fritz Perls Bezug genommen wird, ist die Vorbemerkung angebracht, dass diese mit der diesbezüglichen Theorie und Praxis in der zeitgenössischen Gestalttherapie nicht einfach gleichzusetzen sind. Im inzwischen sehr hetero- genen internationalen Feld der Gestalttherapie lässt sich ein Festhalten an der Perls’schen Konzeption genauso beobachten wie eine mehr oder we- niger deutliche Abwendung davon. ³ Hier bleibt Perls auch noch in der Denktradition von S. Freud. Dessen Pionierleistung bestand darin, den Menschen als dynamisches System zu betrach- ten, seine Systemauffassung war aber noch eine solipsistische. Man denke an sein Strukturmodell der Psyche mit den drei Instanzen Ich, Es, Über-Ich, in dem die Grenzen des dynamischen Systems ‚Mensch‘ mit jenen des Organismus zusammenfallen (Metzger 1971, 25ff; vgl. dazu auch Galli 2017, 108).