Ausdruck vom 6.6.2017 / /for proofreading purposes only/ /nur zum Korrekturlesen 6 Kontraintuitive Ideen im urchristlichen Denken Welche Überzeugungen haben sich im frühen Christentum durchgesetzt? 1 István Czachesz Die urchristliche Religion ist eine ausgesprochen pluralistische Erscheinung, die Vorstellungen von Jesus nicht ausgenommen. Ja mehr noch, verschiedene Kon- zeptionen der Gestalt Jesu konnten dazu dienen, verschiedene christliche Grup- pen voneinander abzugrenzen. Dafür ist das Jota in homoiousios ein anschau- liches Beispiel aus dem 4. Jh. n.Chr., und auch danach blieb der Arianismus in seinen verschiedenen Schattierungen Kennzeichen kirchlicher Gruppierungen. Schon das Neue Testament umfasst ein weites Spektrum christologischer Kon- zeptionen, die im Laufe der Jahrhunderte als „Belegstellen“ für verschiedene Po- sitionen innerhalb der theologischen Auseinandersetzungen dienten. Einige Kon- zeptionen werden in den kanonischen Schriften deutlich bevorzugt, während viele alternative Konzeptionen nur in nicht-kanonischen Quellen erscheinen. Dafür gibt es zwei gängige Erklärungen: eine apologetisch motivierte, die besagt, dass die im Neuen Testament enthaltenen Vorstellungen älter und authentischer als die nicht- kanonischen sind, und eine alternative, die besagt, dass nur die Schriften ins Neue Testament aufgenommen wurden, die den Positionen der Entscheidungsträger in der Alten Kirche entsprachen. In meinem Beitrag vertrete ich die These, dass christologische Konzeptio- nen in der Tat eine bedeutende Rolle spielten – einerseits bei der Entstehung der Hauptströmung des Christentums, wie sie im Neuen Testament dokumentiert ist, andererseits bei der Ausbildung von „häretischen“ Varianten des Christentums. Damit verbunden ist die These, dass die Faktoren, die diese sozialen und litera- rischen Trennungsprozesse verursacht haben, eher psychologisch und unbewusst als bewusst theologisch oder kirchenpolitisch waren. Im ersten Teil meiner Ausführungen werde ich drei verschiedene Entwürfe von Jesu Tod in den urchristlichen Quellen unterscheiden, die als Test für meine 1 Erstveröffentlichung in: Petra von GEMÜNDEN / Gerd THEISSEN (Hg.), Erkennen und Erleben. Beiträge zur psychologischen Erforschung des frühen Christentums, Gütersloh 2007, 197–208. In: G. Theissen, L. C. Chan, I. Czachesz, Kontraintuitivität und Paradoxie: Zur kognitiven Analyse des urchristlichen Glaubens. Münster: LIT Verlag, 2017, pp. 147-185.