Jörg Noller, München Der Mensch als subjektiver Geist? Hegels problematische Anthropologie im Ausgang von Kant 1. Anthropologie oder Philosophie der Person? Welche Relevanz besitzt die Anthropologie aus philosophischer Sicht? Dieter Sturma hat die provokative These vertreten, dass „[d]ie traditionelle philosophische Anthropologie […] in die Jahre gekommen“ sei. Angesichts der gegenwärtigen Situation der Philosophie müssten, so Sturma, „essentia- listische Zugänge zum Menschen als hoffnungslos überholt“ erscheinen, ja man könne in diesem Zusammenhang gar von einem „disziplinare[n] Nieder- gang der philosophischen Anthropologie“ sprechen. 1 Dagegen sei ein „Über- gang von der traditionellen philosophischen Anthropologie zur Philosophie der Person“ zu konstatieren: „An die Stelle der umstandslosen Fragestellung ‚Was ist der Mensch?‘ tritt ein Fragetypus von der Art ‚Was bedeutet es, das Leben einer Person zu führen?“ 2 Statt starker metaphysisch-normativer We- sensfragen träten „deskriptiv zugängliche Fähigkeiten und Eigenschaften der menschlichen Lebensform in den Blick“ 3 , so dass der Personbegriff zum Schnittpunkt verschiedener philosophischer Disziplinen wie der Ontologie, der Philosophie des Geistes und der Moralphilosophie werde. Die philosophische Problematik der Anthropologie besteht in folgendem Dilemma: Zum einen ist die Anthropologie eine empirisch orientierte Wissen- schaft, die aus philosophischer Perspektive als unterbestimmt gelten darf, denn sie betrachtet den Menschen in erster Linie als ein biologisch und evolu- tionär bedingtes Wesen, nicht aber als ein Subjekt, welches im Zusammenhang mit philosophischen Prinzipien steht. Eine genuin philosophische Anthropolo- gie hingegen zielt darauf ab, möglichst universelle Wesensaussagen über den Menschen treffen zu können. Beide Zugänge sind aber gleichermaßen proble- matisch. Erstere entzaubert den Menschen, indem sie ihn qualitativ an höhere 1 Dieter Sturma, „Was ist der Mensch? Kants vierte Frage und der Übergang von der philosophischen Anthropologie zur Philosophie der Person“, in: Warum Kant heute?, hg. v. D. Heidemann/K. Engelhard, Berlin 2003, 264–285, hier 264. 2 Ebd., 265. 3 Ebd.