Der Unfallchirurg 8•2003 | 625 Zusammenfassung Fragestellung. Aufgrund der höheren me- chanischen Stabilität hat die kombinierte dor- soventrale Stabilisierung von Frakturen des thorakolumbalen Übergangs in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewon- nen. Bislang liegen nur wenige Daten zum postoperativen Verlauf nach einer dorsoven- tralen Instrumentierung vor.Unklar ist insbe- sondere,welche Auswirkungen sich auf die Lebensqualität ergeben. Zielsetzung dieser Untersuchung war es, die allgemeine gesund- heitsbezogene Lebensqualität nach einer dor- soventralen Stabilisierung des thorakolumba- len Übergangs zu erfassen. Dabei sollte eru- iert werden, ob bestimmte Faktoren die Ent- wicklung chronischer Beschwerden bei die- sem Krankengut begünstigen. Material und Methoden. 30 Patienten einer konsekutiven Serie mit traumatischen Fraktu- ren des thorakolumbalen Übergangs wurden in eine prospektive klinische Studie einge- schlossen. Nach dorsaler Stabilisierung mit ei- nem Fixateur interne (USS, Synthes®) wurde der verletzte Wirbelsäulenabschnitt von ven- tral mit einem autogenen Beckenkammspan und einem winkelstabilen Implantat (MACS, Aesculap®;VentroFix, Synthes®) instrumen- tiert. Die Lebensqualität wurde mit dem SF- 36-Fragebogen 2 Jahre postoperativ unter- sucht. Der Grund-Deckplatten-Winkel (GDW) wurde präoperativ,unmittelbar postoperativ und 2 Jahre postoperativ erfasst. Ergebnisse. Die Auswertung der Daten ergab eine deutliche Beeinträchtigung der Lebens- qualität, hauptsächlich in den Dimensionen „Körperliche Rollenfunktion“,„Körperlichen Schmerzen“ und „Emotionale Rollenfunkti- Die Behandlung von instabilen Fraktu- ren des thorakolumbalen Übergangs wird bis heute kontrovers diskutiert. In der Akutsituation gilt die dorsale Stabilisie- rung mit einem Fixateur interne aufgrund kurzer Operationszeiten und relativ ge- ringer Komplikationsraten als Standard- verfahren. Langzeituntersuchungen erga- ben jedoch einen hohen Korrekturverlust nach dieser Instrumentierung [4, 26, 40]. Inzwischen hat die kombinierte dorso- ventrale Stabilisierung an Bedeutung ge- wonnen, da sie eine höhere mechanische Primärstabilität und bessere Operations- ergebnisse aufzuweisen scheint [5, 18, 25, 31, 42]. Umfassende Langzeitergebnisse liegen hierzu bislang jedoch nicht vor. Unabhängig von der Art der Behand- lung ist unklar,welche Auswirkungen eine Verletzung des thorakolumbalen Über- gangs langfristig auf die Lebensqualität des betroffenen Patienten hat. Als wichti- ges Kriterium zur Beurteilung des Thera- pieerfolges gilt das Auftreten von Schmer- zen als Ausdruck einer Instabilität oder Deformität der Wirbelsäule [1]. Umge- kehrt wird davon ausgegangen, dass die Ausbildung einer posttraumatischen Ky- phose im Langzeitverlauf je nach Ausprä- gung zu einer klinischen Beschwerdesym- ptomatik führt [2]. Über die Schmerzsym- Originalien Unfallchirurg 2003 · 106:625–632 DOI 10.1007/s00113-003-0627-4 D. Briem 1 · W. Linhart 1 · W. Lehmann 1 · M. Bullinger 2 · V. Schoder 3 · N. M. Meenen 1 J. Windolf 1 · J. M. Rueger 1 1 Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 2 Medizinische Klinik und Poliklinik,Abteilung für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 3 Institut für Mathematik und Datenverarbeitung in der Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Untersuchung der Lebensqualität nach dorsoventraler Stabilisierung von Wirbelkörperfrakturen des thorakolumbalen Übergangs © Springer-Verlag 2003 Dr. D. Briem Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstel- lungschirurgie, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg E-Mail: briem@uke.uni-hamburg.de on“. Bei 42% der Patienten bestanden 2 Jahre postoperativ noch mäßige oder starke Schmerzsymptome. Radiologisch zeigte sich zu diesem Zeitpunkt ein geringfügiger Kor- rekturverlust, in den meisten Fällen ohne An- zeichen einer relevanten kyphotischen Defor- mität. Die statistische Auswertung der Daten ergab keinen Zusammenhang zwischen den Parametern der Lebensqualität und den klinisch-radiologischen Ergebnissen. Insbe- sondere fand sich keine Korrelation zwischen „Körperlichen Schmerzen“ und dem GDW (r=0,112, Korrelationskoeffizient nach Spear- man). Schlussfolgerungen. Die hier vorgestellten Patienten wiesen 2 Jahre nach einer dorso- ventralen Stabilisierung der thorakolumbalen Wirbelsäule eine eingeschränkte Lebensqua- lität auf.Im Vordergrund stand dabei die an- haltende Schmerzsymptomatik. Diese ging überwiegend nicht mit einer relevanten ra- diologischen Fehlstellung einher.Neben der eigentlichen Verletzung kommt als Schmerz- ursache der ausgedehnte operative Eingriff in Frage, wobei keine Unterschiede zwischen dem offenen und dem minimal-invasiven Ver- fahren zur ventralen Stabilisierung gesehen wurden. Insgesamt kann festgestellt werden, dass der SF-36 ein geeignetes Messinstru- ment darstellt, um die postoperative Lebens- qualität bei wirbelsäulenverletzten Patienten mit einer dorsoventralen Stabilisierung des thorakolumbalen Übergangs zu erfassen. Schlüsselwörter Wirbelsäule · Thorakolumbaler Übergang · Fraktur · Dorsoventrale Stabilisierung · Lebensqualität · SF-36-Fragebogen