Unfallchirurgie © Urban & Vogel 1998
Originalarbeit
Alexander Katzer 1, Norbert M. Meenen 1, Gtinther Fr6schle 4, Stefan Raabe 1, Klaus Ptischel 2,
Jt~rgen-V. Wening 3
1Abteilung ftir Unfall- und Wiederherstellungschirurgie (Direktor: Prof. Dr. J. M. Rueger) und 2Institut ffir Rechtsmedizin
(Direktor: Prof. Dr. K. Ptischel), Universit~itskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, 3Abteilung f/Jr Unfall- und Wiederherstellungs-
chirurgie (Chefarzt: Prof. Dr. J.-V. Wening), Allgemeines Krankenhaus Hamburg-Altona, 4Chirurgische Abteilung (Chefarzt:
Priv.-Doz. Dr. G. Fr6schle), Kreiskrankenhaus Storman, Bad Oldesloe
Der Suizidversuch- eine Herausforderung ftir den
Unfallchirurgen?
Die Daten yon 767 Patienten wurden nach einem Suizidversuch oder Suizid retrospektiv analysiert. Bei 52% der
Patienten lagen Skelettsch~iden vor; sie stellten bei Aufschlttsselung der Verletzungsmuster zugleich den gr6Bten
Anteil dar. Es folgten Sch~iden des Zentralnervensystems (26,6%), und an dritter Stelle der H/iufigkeit standen
Verletzungen parenchymat6ser Organe (20,1%). Weichteilsch~iden gr6Beren AusmaBes wurden bei 18,1% und
relevante GefgBverletzungen bei 16% der Suizidenten diagnostiziert. Der hohe Anteil polytraumatisierter
Patienten (22,9%) dokumentiert hierbei zugleich die Schwere und den Umfang erlittener Verletzungen bei
Anwendung sogenannter ,,harter Methoden". Es zeigt sich, dab die Verletzungen von Suizidenten bei entspre-
chender Gewalteinwirkung oftmals denen schwerer StraBenverkehrsunfglle gleichen und die Verletzungsmuster
polytraumatisierter Patienten im Gegensatz zum unselektionierten Patientengut vor allem durch Sprfinge aus
groger H6he und Bahntiberfahrungen bestimmt werden. Bei Vorliegen ungew6hnlicher Selbstt6tungstechniken
kann die Erfahrung des Chirurgen aber schnell ihre Grenzen erreichen, so dab nach unseren Kenntnissen trau-
matologische Fachabteilungen die besten Voraussetzungen ffir die Diagnostik und Noffallversorgung dieser
Patienten bieten, sofern es sich nicht um reine Bagatellverlerletzungen handelt.
SchlgtsselwOrter: Suizid • Suizidversuch • Verletzungsmuster
Suicide Victims - Challenge for the Surgeon?
The data from 767 patients after a suicide attempt or suicide were analyzed retrospectively. Skeletal damage was
present in 52% of the patients. This was also the highest percentage in the breakdown of the injury patterns, fol-
lowed by damage of the central nervous system (26.6%). Injuries to parenchymatous organs (20.1%) took third
place. Extensive soft tissue injuries were diagnosed in 18.1% and relevant vascular lesions in 16% of suicide cases.
At the same time, the high percentage of multiple trauma patients (22.9%) reflects the severity and the extent of
injuries suffered in the application of "violent methods". Injuries of suicide cases involving violence often resem-
ble those of serious road traffic accidents. In contrast to unselected patients, the injury pattern of suicide cases
with multiple trauma is dominated by jumps from a great height and being run over by a train. However, when
unusual suicide techniques are used, the surgeon's experience may soon become insufficient. To our knowledge,
special traumatology wards provide the best available diagnosis and emergency care for these patients unless they
have suffered purely trivial injuries.
Key Words: Suicide. Suicide attempt. Injury pattern
S
elbstmord und Suizidversuche stellen ein interdis-
ziplinfires Problem dar, dessen Bew~iltigung im kli-
rlischen Alltag Chirurgen, An~isthesisten, Psychiater
und Psychologen wie auch Rechtssmediziner besch~if-
Herrn Prof. Dr. Karl-Heinz Jungbluth zum Abschied vom ktini-
schen Alltag gewidmet.
Eingang des Manuskripts: 20. 10. 1997.
Annahme des Manuskripts: 15.12. 1997.
tigt. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorga-
nisation (WHO) steht der Suizid an dritter bis ft~nfter
Stelle der Todesursachen und ist damit far 10% aller
Todesffille verantwortlich. In den letzten Jahrzehnten
wurden trotz aller Bemiihungen in den Industriel~in-
dern kontinuierliche Zuwachsraten mit Abnahme des
Altersdurchschnittes und dem Trend zu immer aggres-
siveren Selbstt6tungstechniken verzeichnet. Differen-
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