STEPHAN GÜNZEL PHILOSOPHIE DES FÜHRENS CARL AUGUST EMGE IN JENA UND WEIMAR 1 Ein großes und edles Wort des Staatsmannes, der sich den Titel ,Führ er und Reichskanzler' gewählt hat, lautet: ,Führung beruht auf dem freien und guren Willen der Geführten'. Ich bitte Sie, das folgende aufzufassen als privaten und unaurorisierten Versuch, jenes Wort zu interpretieren. Ehrfurcht vor echtem Führen um, Liebe zur Wahrheit, beides Gefühle, die für Deutsche sich nie widersprechen dürfen, sollen uns dabei ausschließlich bestimmen. Wir selbst sind dabei nicht führend, sondern bloß einfühlend und forschend. 2 Mit diesen Worten begann der Professor der Rechtsphilosophie an der Univer- sität Berlin, Carl August Emge, seinen 1936 publizierten Vortrag, "Ideen zu einer Philosophie des Führertums", welchen er bereits 1934 - im Jahr bevor er die Universität Jena und seinen Wohnort Weimar verließ- in Lübeck gehalten hatte. Im folgenden werde ich den Weg des Philosophen und Rechtswissen- schaftlers Emge bis zu dessen Weggang aus Thüringen nachzeichnen: Ich werde zunächst eine kurze biographische Skizze geben. Als zweites werde ich auf Em- ges Rolle zum einen in Jena und zum anderen in Weimar bzw. am dortigen Nietzsche-Archiv eingehen, wozu ich sein Denken, d.h. sein philosophisches Schreiben, in Beziehung setze, welches ich in einem vierten Schritt darstelle, um abschließend die Umstände der Gründung des rechtsphilosophischen Ausschus- ses der Akademie für Deutsches Recht am Archiv zu schildern sowie Emges Aus- scheiden aus diesem zu rekonstr-uieren. 1. DATEN Emge wurde am 21. April 1886 in Hanau am Main geboren. 3 Nach seinem Stu- dium der Rechte in Tübingen - u.a. bei Gustav Radbruch, mit welchem er fortan 1 Dank gilt der Stiftung Weimarer Klassik, welche durch die Finanzierung eines Forschungsauf- enthaltes an den Archiven in Weimar die Bearbeitung des dort vorhandenen Marerials ermöglichten, sowie Herrn Dr. Michael Hebeisen aus Muri bei Bern und Herrn Djavid Salehi aus Passau, die ihrer- seits bislang unpublizierres Material über Emge und dessen Umfeld zur Verfügung stellten.- Dank gilt zudem Frau Ursula Sigismund, die in Gesprächen von ihren Begegnungen mit Emge sowohl vor als auch nach dem Zweiren Weltkrieg erzählte. 2 Carl August Emge, Ideen zu einer Philosophie des Führerrums. Vortrag, gehalten 1934 in der Gesellschaft für gemeinnlltzige Tätigkeit in Lllbeck, Berlin 1936, Abschn. I, S. 5. (Ersrabdruck in Rudolf Stammler Festschrift zu seinem 80. Geburtstag am 19. Februar 1936, hrsg. im Auftrag der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie von Carl August Emge, Berlin 1936.] 3 Zu diesem und zu den folgenden Angaben siehe den selbstverfaßten Lebenslauf Emges, wel- cher seiner Dissertation beigegeben ist. (Vgl. Carl August Emge, Der Vollzugsort beim gegenseitigen