Manfred Engel Die "Duineser Elegien" verstehen - Verstehen in den Duineser Elegien* Schwer abzuweisen ist der Verdacht, daß die Literaturwissenschaft mit ihrer Kaprizierung auf das rationale Verstehen 1) einer Aussage als eigentliches Para- digma der Rezeption nur zu verbergen sucht, wie wenig sie doch weiß vom un- endlich komplexeren Prozeß ästhetischer Erfahrung. Im Bereich der literari- schen Moderne hat dieses reduktive Verfahren wenigstens dort einen Schein von Berechtigung, wo eine asketische Kunstpraxis Unmittelbarkeit und ästhetischen Genuß als Lesehaltungen systematisch sabotiert 2 ). Meist jedoch gerät damit zu- gleich auch der intellektuelle Zugang in eine Krise, da solche Texte sich mit der- selben Hartnäckigkeit gegen alle vertrauten Denkkategorien sperren. Wenn aber jede ablösbare Aussage, jede in Begriffssprache übersetzbare Botschaft verwei- gert wird, ist der Gehalt der Werke weitgehend identisch mit der von ihnen indu- zierten ästhetischen Erfahrung, mit den neuen Denk- und Verhaltensweisen, die sie den Lesern abverlangen, die sich wirklich auf sie einlassen. Die Duineser Elegien Rilkes stehen - so meine hier nicht näher zu belegende These - auf der Epochenschwelle zwischen der Jahrhundertwende 3 ) einerseits und der Moderne im strengen Sinne, deren Beginn in Deutschland durch die avanciertesten Kunstwerke des expressionistischen Jahrzehnts markiert wird, an- dererseits. Diese Zwischenstellung berechtigt zu dem Versuch, die Elegien gewis- sermaßen rückblickend mit den Augen eines Lesers von heute zu sehen, dessen Blick geschult ist an all den formalen Wagnissen und Experimenten, die die Kunst des 20. Jahrhunderts prägen. Wenn im folgenden also stärker als bisher auch die formale Seite der Elegien und die Modalitäten ihrer Rezeption zur Grundlage der Interpretation gemacht werden, so geschieht dies nicht zuletzt in der Hoffnung, damit einige der Apo- rien der bisherigen Forschung aufzulösen, die trotz aller Lippenbekenntnisse die Modernität der Dichtung kaum je wirklich ernst genommen hat. Ich denke dabei besonders an drei - soweit ich sehe noch nicht befriedigend gelöste - Probleme: Während die Mehrheit von Interpreten wie Lesern in den Elegien Gundfra- gen der menschlichen Existenz gestellt und beantwortet sieht, geht eine quan- titativ wie qualitativ beachtliche Minderheit 4 ) davon aus, daß die von Rilke gegebenen Antworten - ja vielleicht sogar die Fragen selbst - nur für den Künstler Gültigkeit haben. Da beide Lesarten sich aus dem Text belegen las- *Der für den Abdruck leicht überarbeitete Vortrag faßt einige der Ergebnisse einer dem- nächst erscheinenden Monographie zusammen, die den Titel trägt: "Leichte Gestaltung". Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien und die moderne deutsche Lyrik zwischen J ahr- hundertwende und dem Beginn der 20er Jahre. 6 sen, wäre die offenbare Ambivalenz von allgemein-menschlicher Problema- tik einerseits, Künstlerproblematik andererseits vom Interpreten ausdrück- lich zu thematisieren, statt sie - wie bisher - durch einseitige Parteinahme gleich wieder zu eskamotieren. Ebenso erklärungsbedürftig ist das Nebeneinander der ungewöhnlichen Fülle detailliert kommentierender Forschungsliteratur 5 ) einerseits und einer weit- gehend davon unabhängigen, ungewöhnlich breiten Rezeption der Elegien andererseits: Wieso gibt es, bei aller Schwierigkeit und Hermetik des Textes, doch anscheinend auch die Möglichkeit eines voraussetzungslosen unmittel- baren Zugangs? Rezeptions- wie Forschungsgeschichte 6 ) zeigen, daß die Elegien primär als Lehr- und Gedankendichtung gelesen wurden 7); zugleich gelten sie unbestrit- ten als eines der klassischen Werke der Moderne, die doch Lehre und Bot- schaft nicht mehr kennt: Wie ist diese Verbindung von Lehrdichtung und moderner Lyrik zu begreifen? Mit dem Vorsatz, diese scheinbaren Paradoxien für eine neue Deutung der Duineser Elegien produktiv werden zu lassen, sind Ausgangspunkt wie Ziel der folgenden Ausführungen abgesteckt und aus dem Gang der bisherigen For- schungsgeschichte begründet. Eine Rechtfertigung der mit der Orientierung an der Verstehensthematik implizierten Prämissen ist damit freilich noch nicht ge- leistet: Nur eine ausführliche und abstrakte Auseinandersetzung mit Erkennt- nistheorien und Erkenntnisskepsis zu Beginn unseres Jahrhunderts könnte plau- sibel machen, wieso Verstehen für Rilke und seine Zeitgenossen überhaupt zum inhaltlichen wie formalen Problem wurde. An Stelle dieses gleichermaßen be- schwerlichen wie langwierigen Ganges durch die Philosophiegeschichte will ich eine Abkürzung via Literatur versuchen und von der Betrachtung zweier kurzer Prosatexte ausgehen. Als ersten Text wähle ich Franz Kafkas Erzählung ,Die Sorge des Hausvaters' aus dem Jahre 1917 - offensichtliches Beispiel für einen ganz und gar mißglück- ten Verstehensversuch : Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicher- heit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zu- trifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann. Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; aller- dings dürften es nur abgerissene, alte, aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen her- 7