Draft-Version, erscheint in: Was bleibt von Fragmenten einer Sprache der Liebe? Hg. von Peter Clar und Julia Prager. Wien/Berlin: Turia + Kant 2020. 1 Stephanie Marx & Sergej Seitz Das Wesen der Sprache Sprachdenken in Roland Barthes’ Fragmenten Einleitung: Roland Barthes’ Antiphilosophie „Antiphilosophie“ zeichnet sich nach Alain Badiou dadurch aus, dass sie zwei Dinge über das Philosophieren explizit macht, die die normalbetriebliche Philosophie beständig verdrängt. 1 Erstens erinnern Antiphilosoph_innen daran, dass das Philosophieren immer angesichts einer ganz und gar spezifischen Gegenwart erfolgt: Auch wenn die Philosophie beansprucht, zeitlose Wahrheiten zu verkünden und mit der eigenen Rede außerhalb der Geschichte zu stehen, setzt das Denken doch voraus, zunächst Subjekt einer außerordentlichen Erfahrung oder eines ein- zigartigen Ereignisses zu sein. Dabei kann es sich nach Badiou um radikale politische, künst- lerische und wissenschaftliche Umwälzungen, aber auch um die erschütternde Erfahrung der Liebe handeln. 2 Der zweite Aspekt, den die Antiphilosophie hervorhebt, ist, dass sich philoso- phisches Sprechen immer im eigenen Namen vollzieht. Im Gegensatz zur konventionellen Rhe- torik des philosophischen Diskurses, die das Subjekt durchstreicht, um das Allgemeine zu the- matisieren, sprechen Antiphilosoph_innen nach Badiou dezidiert und ausdrücklich im eigenen Namen. Sie machen damit deutlich, dass Denker_innen stets in dem gegenwärtig sind, was sie sagen. 3 Roland Barthes führt in seinen Fragmenten einer Sprache der Liebe 4 diese beiden „antiphi- losophischen“ Gesten – Ausstellen der Ereignisgebundenheit des Denkens und Inszenierung des Sprechens im eigenen Namen – in geradezu paradigmatischer Weise vor. Barthes lässt kei- nen Zweifel daran, dass er durchwegs im eigenen Namen und im Angesicht seiner eigenen Erfahrung der Liebe spricht. So stellt er seinen Ausführungen den Hinweis voran, dass es „also 1 Im Anschluss an Lacan entwickelt Badiou seinen Begriff der Antiphilosophie vor allem im Rekurs auf Wittgen- stein und Nietzsche. Im Vorwort der englischen Ausgabe von Wittgensteins Antiphilosophie umreißt er das Kon- zept konzise. Vgl. Alain Badiou: Wittgenstein’s Antiphilosophy. Übers. von Bruno Bosteels. London, New York: Verso 2011, hier S. 67–71. 2 Vgl. ebd., S. 67. 3 Vgl. ebd., S. 69. 4 Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übers. von Hans-Horst Henschen. Erw. Aufl. mit unveröf- fentlichten Figuren übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2015. (I.d.F. unter Angabe der Seitenzahl im Text zitiert.)