Lisa Regazzoni Wie der Berg Donon nach Paris kam (und wieder zurückging) Zirkulation und Transformation gallorömischer Überreste im Spannungsfeld zwischen Paris und der französischen Provinz Wie konstruierten französische Gelehrte im 18. Jahrhundert ihr Wissen über jene nicht-römische Vergangenheit, die sie als autochthon betrachteten, nämlich die gallische? Mithilfe welcher Gattungen von Überresten versuchten sie, dem Mangel an Schriftquellen der alten Gallier über ihre eigene Geschichte und Kultur ent- gegenzutreten? Welche materiellen und immateriellen Spuren deuteten sie als gallische Überreste und wie bereiteten sie diese zu jenen wissenschaftlichen Referenzen ¹ auf, auf deren Grundlage ihre hermeneutische Arbeit faktisch ba- sierte? Mit welchen im Grunde vergleichenden Methoden wurden diese Zeugnisse zu aussagekräftigen Quellen gemacht? Wie verwandelten sich diese Quellen durch ihre mediale sowie räumliche Zirkulation und wie veränderte sich das Forschungsobjekt selbst in diesem Prozess? Welche deskriptiven oder nar- rativen Deutungen boten die Autoren an? Dies sind einige der Leitfragen, denen in den folgenden Überlegungen nach- gegangen werden soll. Es wird darum gehen, den Ablauf der Erkenntnisgewinnung über die gallische Vergangenheit als Prozess der Übersetzung der Spur in ihrer Interpretation zu erfassen. Genauer gesagt soll herausgearbeitet werden, welchen Transformationen die Spuren der Vergangenheit durch Autopsie, Messung, visuelle Abbildung, verbale Beschreibung, Auswertung als Zeugnisse einer bestimmten Vergangenheit, Einbettung in ein Narrativ und durch die verschiedenen Druck- verfahren unterlagen. All diese als wissenschaftlich geltenden Tätigkeiten und Vorgehensweisen sowie ihre Ergebnisse sind keineswegs voraussetzungslos. Sie sind von Denk- und Glaubenssystemen, Buchwissen, Grundannahmen und Ideo- logien durchdrungen, von disziplinären, kulturellen Wertungen und Codes bedingt, Dieser Begriff geht auf Bruno Latours Reflexionen über das Verhältnis zwischen Worten und Welt zurück. Zirkulierende Referenzendefinieren für ihn nicht die Szenographie von Worten und Welt [], sondern die vielen Praktiken, durch die schließlich Propositionen artikuliert wer- den. Mit Referenzist [] die Qualität der Kette der Transformationen, die Lebensfähigkeit ihrer Zirkulation gemeint. Siehe Latour, Die Hoffnung der Pandora, 379 380. Ferner verdanke ich Latours Essay Zirkulierende Referenzen die Leitfragen zu den wissenschaftlichen Praktiken, die dem vorliegenden Beitrag zugrunde liegen: Ebd. 36 95. https://doi.org/10.1515/9783110598391-013