© Friedrich Verlag | Grundschule Englisch 63 | 2018 2 Balance sprachlicher und kognitiver Anforderungen Die besondere Herausforderung bei der Auswahl geeigneter Bilderbücher besteht darin, eine sprachliche Über- und eine kognitive Unterforderung zu vermeiden. Bilderbücher sind den Kindern zwar aus dem Alltag bekannt (s. Beitrag A. Becker), aber sprachlich sind altersgerechte authentische englische Bilderbücher meist zu an- spruchsvoll, wohingegen sprachlich geeignete Texte kognitiv häufig zu simpel sind. Es lohnt sich jedoch, Zeit in die Auswahl geeigneter Bilderbü- cher zu investieren, da erste Studi- en zeigen, dass sich Kinder gern eng- lische Geschichten vorlesen lassen, und dass ein regelmäßiger und gut durchdachter Einsatz von Bilderbü- chern Lerner befähigt, zum Ende der Grundschulzeit bereits eigenständig ein Bilderbuch zu lesen und zu verste- hen (z. B. Diehr / Frisch 2010; Frisch/ Holberg 2015; Kolb 2012; Becker et al. i. V.). Wenig untersucht ist, ob Kin- der neben dem motivationalen und sprachlichen Lernen auch ihre lite- rarisch-ästhetischen Kompetenzen weiterentwickeln, wenn sie Zugang zu englischen Bilderbüchern haben. Zusammenspiel von Bild und Text Beim Bilderbuch handelt es sich um ein multimediales Medium, das seine Inhalte durch ein komplexes Zusam- menspiel von verbalem und visuel- lem Text kommuniziert. Die Relation von Bildsprache und Text ist dabei unterschiedlich proportioniert. So können beide Elemente symmetrisch die gleiche Geschichte erzählen (z. B. Spot-Reihe von Eric Hill), beide Ele- mente können sich gegenseitig er- gänzen (vgl. die Beispiele in diesem Heft), sie können unterschiedliche In- formationen enthalten, wodurch sich eine gewisse Ambivalenz ergibt und sie können miteinander nicht verein- bare Inhalte enthalten, wodurch Bild und Text zwei unterschiedliche Ge- schichten erzählen (vgl. Nikolajeva / Scott 2000, S. 12). Für den Englisch- unterricht in der Grundschule eignen sich insbesondere Bilderbücher, in denen verbaler und visueller Text das Gleiche erzählen oder Bilderbücher, in denen die Illustrationen die Infor- mationen im verbalen Text ergänzen, denn für das Englischlernen stellt ge- rade die Bildebene eine große Verste- henshilfe dar (vgl. Kolb 2012, S. 100). Bilderbücher stellen ein beliebtes Medium im Englischunterricht der Grundschule dar (vgl. BIG-Kreis 2015, S. 27, 29). Grundschulkinder kön- nen dank des Gruffalo wunderbar Monster beschreiben (terrible tusks, poisonous wart) und kennen durch The Very Hungry Caterpillar früh die Bezeichnungen für Birne und Scho- koladenkuchen. Bilderbücher kom- men zum Einsatz, um die Kinder für das Lernen der Fremdsprache zu mo- tivieren, um neue Wörter und sprach- liche Strukturen im Kontext einer Ge- schichte einzuführen und um das interkulturelle Lernen anzubahnen (vgl. z. B. Elsner 2010, S. 119; Frisch 2015, S. 224 f.). Bisher wenig erforscht ist die Fra- ge, ob mithilfe von englischen Bilder- büchern erstes literarisches Lernen angebahnt werden kann. Dieser Bei- trag stellt zunächst ein Modell von literarischer Kompetenz vor, um dann zu untersuchen, inwiefern im Eng- lischunterricht Bilderbücher so einge- setzt werden können, dass mit ihrer Hilfe basale Kompetenzen entwickelt werden. Die Praxisbeiträge in die- ser Ausgabe enthalten Unterrichts- sequenzen, die dafür anregende Bei- spiele bereithalten. Grit Alter & Stefanie Frisch Literarisches Lernen schon in der Grundschule? The Potential of Picture Books Bilderbücher sind aus dem Englischunterricht nicht wegzudenken. Aber wird man dem Zauber von Bilderbüchern gerecht, wenn diese überwiegend zum Sprachenlernen eingesetzt werden? Dieser Beitrag untersucht, wie z. B. die besondere Machart und die individuelle Wirkung von Bilderbüchern in der Fremdsprache thematisiert werden kann. 2 19.03.2018 09:53:36