Lorenzo Valla und das Neue Testament 145 Lorenzo Valla und das Neue Testament Christopher Celenza Grenzen begegnen uns in unterschiedlichen Erscheinungsformen, von der physi- kalischen bis zur ideologischen. Eine der aufschlussreichsten Grenzen ist die- jenige zwischen Sprachen, die ebenso eine Markierung zwischen Kulturen sein kann. Das Übersetzen ist daher ein grundlegender Mechanismus der Grenzüber- schreitung, innerhalb derer die Rolle des Übersetzers diejenige eines Vermittlers oder eines Führers ist, der den Leser über die Grenze – von einer Sprache in die andere – bringt. Dabei sollen nach Möglichkeit ursprünglicher Sinn und Bedeu- tung bewahrt werden. Der Akt der Übersetzung kann daher als Beseitigung einer Grenze verstanden werden. Übersetzer haben im Verlauf der Geschichte verschie- denste Ansprüche an die Übersetzung gestellt, die von »schwach« (der Übersetzer als bescheidener Diener der ursprünglichen Bedeutung: als bloßer Transporteur) bis »stark« (der Übersetzer als Neu-Deuter des Originals und somit gleichsam als Autor) reichen. Es mag jedoch wohl kein höherer Anspruch an die Möglichkeiten von Übersetzungen zu finden sein als derjenige Lorenzo Vallas, der seine Korrek- turen in der vulgata-Übersetzung des Neuen Testaments folgendermaßen vertei- digt: Wenn ich also irgendetwas berichtige, berichtige ich nicht die Heilige Schrift, sondern ihre Übersetzung, und indem ich das tue, zeige ich mich der Schrift gegenüber nicht anmaßend, sondern fromm und ich tue nichts weiter als besser zu übersetzen als der frühere Übersetzer, so dass meine Übersetzung – sollte sie richtig sein – die Heilige Schrift genannt werden sollte, nicht seine. 1 Als Lorenzo Valla um das Jahr 1450 diese Worte schrieb, war er in eine Polemik gegen eine der Größen seines Faches verwickelt: Poggio Bracciolini, von eben jener Institution, deren Mitglied zu werden lange Vallas Traum gewesen war: dem 1 Valla, Antidotum Primum, 112: »Itaque, ne multus sim, siquid emendo non Sacram Scripturam emendo, sed illius potius interpretationem, neque in eam contumeliosus sum, sed pius potius, nec aliud facio nisi quod melius quam prior interpres transfero, ut mea tralatio, si vera fuerit, sit appellanda Sancta Scriptura, non illius«. Zitiert bei Cesarini Martinelli (1980), 63. Die For- schungsliteratur zu Valla ist sehr umfangreich; neu und mit umfassender Bibliographie Nauta (2009); Regoliosi ed. (2008); eadem ed. (2009); eadem ed. (2010). Valla, Raudensiane note; idem, Encomion; idem, Ad Alfonsum regem Epistola und Confutationes; idem, Emendationes; vgl. auch Camporeale (2002).