Verschwinden, Vermissen und Vergessen Kriegs- und Erinnerungsdiskurs in Anna Kims Die gefrorene Zeit ANDREA HORVÁTH (DEBRECEN/DEBREZIN) Anna Kims Roman Die gefrorene Zeit handelt von den Folgen der Jugoslawienkriege für die zivile Bevölkerung, die durch die Beschreibung der jahrelangen Suche nach einem Opfer zum Vorschein kommen. Der Roman wird als Gedächtnisroman gele- sen, in dem das Spannungsverhältnis zwischen Sprache, Vorstellung und Wirklich- keit im Mittelpunkt steht, wobei Literatur als eine ganz spezifsche Erinnerungsge- meinschaf erkennbar wird. Auf dem Balkan leben Völker mit einem verschiedenen nationalen, ethnischen und religiösen Hintergrund. Jugoslawien bestand bis zu seinem Zerfall aus Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Kosovo, Ser- bien und Montenegro, die heute als unabhängige Staaten existieren. Nach 1989 setzte ein Nationenbildungsprozess ein, der nicht friedlich verlief. Bruno Bati- nić beschreibt in seiner Arbeit aus dem Jahr 2003 die damalige politische Lage in Jugoslawien bzw. in Europa folgenderweise: Der Jugoslawien-Krieg kann grundsätzlich mit Hinsicht auf das „Wende- jahr 1989“ in Osteuropa als das Resultat einer fehlgeschlagenen Demokra- tisierung in dem kommunistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien verstanden werden. Diese mit 1989 verbundenen Demokratisierungen bedeuten vieler- orts (nicht nur in Jugoslawien) „Nationalisierungen“ und in weiterer Folge Eigenstaatbildungen der einzelnen Völker/Nationen (vgl. die Sowjetunion und die Tschechoslowakei). In Jugoslawien führten bzw. verwandelten sich die nationalen Erneuerungen und Spannungen schließlich in einer brutalen (Bürger-)Krieg. (Batinić 2003, 8) Bei nationalen Identitätsbildungen ist die Abgrenzung von dem Anderen zentral, auf den meistens alles Schlechte projiziert wird und der dadurch zum Feindbild wird. Die „Selbstbestätigung durch Feindmarkierung“ (Schulze 1989, 28) gehört