3 Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal Wer uns die Gefühle macht Andrzej Żuczkowski (Macerata) & Gerhard Stemberger (Wien und Berlin)1 Zusammenfassung „Du machst mich wütend“ – „Du machst mich glücklich“: In solchen Formulie- rungen ofenbart sich – meist ganz un- bemerkt, aber umso wirksamer – eine ganze Welt voll merkwürdiger Beziehun- gen und Machtverteilungen. Andrzej Żuczkowski geht im ersten Teil dieses Beitrags den Hintergründen und theore- tschen Erklärungen für diese eigentüm- liche Welt nach, ausgehend von Erinne- rungen an seine Begegnung mit diesem Thema im Rahmen seiner transaktons- analytschen Ausbildung. Seine Analyse stützt sich vor allem auf Überlegungen und Befunde des belgischen Experimen- tal-Psychologen Albert Michote (1881– 1965), dessen Name untrennbar mit der Erforschung der „phänomenalen Kau- salität“ verbunden ist, sowie von Wolf- gang Metzger. Gerhard Stemberger geht abschließend auf die Sichtweise ein, die in der Gestaltheoretschen Psychothe- rapie das Verständnis und den Umgang mit den Phänomenen der naiven Ge- fühls-Kausalität bestmmt. [1] ZUR EINFÜHRUNG Als ich (Andrzej Żuczkowski) in den 1980er-Jahren meine Psychothera- pie-Ausbildung in Transaktonsana- lyse machte, war eines der ersten Dinge, die ich in meiner Eigenana- lyse aus unmitelbarer Erfahrung gelernt habe, dass niemand mich gut oder schlecht fühlen lassen kann und dass ich auch selbst nicht jemand anderen sich gut oder schlecht fühlen lassen kann. Wenn ich zum Beispiel Sätze sagte wie „Meine Frau macht mich wütend“, stellte mich mein Lehrtherapeut zur Rede und sagte unter anderem, dass es keine Ursache-Wirkung-Be- ziehung zwischen dem gibt, was eine Person sagt (verbales Han- deln) oder tut (nonverbales Han- deln, Verhalten), und dem, was ich fühle: Niemand hat die Macht, mich gut oder schlecht fühlen zu lassen, es sei denn, ich selbst möchte es. Mit anderen Worten, niemand au- ßer mir selbst kann mich gut oder schlecht fühlen lassen. Es brauchte eine lange Zeit und eine tefgehende persönliche Ver - änderung, bevor ich diese Sicht - weise annehmen konnte. Vor mei- ner Ausbildung war ich nämlich fest vom entgegengesetzten Stand- punkt überzeugt, nämlich dass ich es bewirken kann, ob jemand an- derer sich gut oder schlecht fühlt, und dass es wiederum in der Hand anderer liegt, ob ich selbst mich gut oder schlecht fühle. Wer eigene Erfahrungen in Gruppenpsychothe- rapie gemacht hat, der weiß, wie weit verbreitet diese Überzeugung ist, wie tef verwurzelt sie ist, wie vehement sie verteidigt wird und wie ofensichtlich und natürlich sie denen erscheint, die sie teilen. Eine solche im "gesunden Menschen- verstand" verwurzelte Überzeu- gung, wie sie Sätzen wie "meine Frau macht mich wütend" implizit zugrunde liegt, kann als reale Kau- saltheorie zwischenmenschlicher Beziehungen angesehen werden, denn sie erklärt, wie die Beziehun- gen zwischen Menschen funktonie- ren. Da eine solche Kausalitäts-The- orie von Gefühlen, Emotonen, Afekten und dergleichen handelt, kann man sie eine Gefühls-Verur - sachungs-Theorie bzw. eine Theorie der Gefühls-Kausalität nennen. Letztlich akzepterte ich die Sicht - weise, wie sie mir von der Trans- aktonsanalyse angeboten wurde, da sie mir im Vergleich zur anderen, der des gesunden Menschenver - standes, eine Befreiung von sym- biotschen Konfusionen bot. Auf einer wissenschaflichen Ebene allerdings war ich mit den Argu- menten nicht ganz zufrieden, die ich von den Transaktonsanalyt- kern als Begründung ihres Stand- punkts hörte, auch wenn sie logisch und ratonal klangen. Ich suchte in der einschlägigen Literatur unter jenen psychotherapeutschen Theorien, die den gleichen Stand- punkt wie die Transaktonsanalyse vertreten (Neurolinguistsches Pro- grammieren, Perls‘ Gestaltherapie usw.), fand aber auch dort keine zu- friedenstellenden Argumente. Neben dieser „wissenschaflichen Unzufriedenheit“ gingen mir noch einige andere unbeantwortete Fragen durch den Kopf: Einmal angenommen, dass diese Sicht - weise einiger psychotherapeu- tscher Schulen wissenschaflich valide ist, auf festen Fundamen- ten steht, warum werden dann im tagtäglichen Sprachgebrauch 1 Die Kapitel 1 bis 11 wurden vorwiegend von Andrzej Żuczkowski verfasst (Gerhard Stemberger hat sie aus dem Englischen ins Deutsche übertra- gen), 12 und 13 von Gerhard Stemberger. Für die Überprüfung der Übersetzung der Michote-Zitate aus dem Französischen ins Deutsche danken wir Odile Vergely. Für vielfältge Anregungen zur Überarbeitung der Entwurfsfassung danken wir Angelika Böhm, Thomas Fuchs, Bernadete Lindorfer, Katharina Sternek und Julia Winkler.