© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655 Rüdiger Lohlker (Wien) Kollektive Ethik und individuelle Ethik: Reflexionen anhand der Exodus-Erzählung Zuweilen wird als islamische Behandlung eines Themas nur bezeichnet, wenn der Bezugsrahmen ein oder mehrere koranische Texte ist und allenfalls noch Texte aus der Hadith-Literatur, der Überlieferungen über das Tun und die Aussagen des Propheten Muh ˙ ammad, einbezogen werden. 1 Dieser Beitrag stellt sich einer doppelten Herausforderung: Eine Bestimmung des Verhältnisses von Exodus und Hidschra und eine Situierung des Themen- feldes in einer religionswissenschaftlichen Perspektive, die eben nicht theolo- gisch ist. 2 Beginnen wir mit der zweiten Herausforderung ! Diese wirft zwei Fragen auf : Wie können wir ein religiös so vielfach überdeterminiertes Thema wie den Ex- odus und die Hidschra behandeln, ohne in theologische Kategorien zu verfallen ? Warum ist dies ein Problem? Zum einen entwickelt sich üblicherweise diese Herausforderung aus der Be- handlung des Themas aus einer abrahamitischen Perspektive, die zu einem di- rekten Vergleich zwischen jüdischen, christlichen und islamischen Auffassun- gen einlädt. Wie kann sich eine andere Perspektive entfalten, die sich nicht in die abrahamitische Perspektive einordnet? Historisch können wir dies versuchen, wenn wir uns an Angelika Neuwirths Idee einer Betrachtung des Korans im Kontext der Spätantike anschließen. Damit wechseln wir auf die Ebene einer (religions-)geschichtlichen Betrachtung, die auch christliche und jüdische As- pekte einschließt, ohne diese aber zu determinierenden Faktoren unseres The- mas zu machen. Also: ein Wechsel auf eine historische Betrachtung spätantiken Denkens selber. Beziehen wir nun ein, dass weite Teile der islamischen Geis- 1Für die Gelegenheit, mich dem Thema Exodus zuzuwenden und darüber zu reflektieren, habe ich den Veranstaltern und Veranstalterinnen der Maimonides Lectures 2018 zu danken. 2 Dass eine theologische Beschäftigung mit diesem angenommenen Ereignis durchaus fruchtbar sein kann, zeigt Peter Zeilinger, Repräsentation einer Leerstelle, oder: Auszug ins Reale. Zur politischen Bedeutung des biblischen Exodus, der historisch nicht stattgefunden hat, in: Inter- disciplinary Journal for Religion and Transformation in Contemporary Society 4ii/2018, S. 212–282. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0