Judits weise Klugheit zur Rettung Betulias Renate Egger-Wenzel 1. Vorbemerkungen Judits Erfolg bei der Rettung Betulias wird in der Literatur meist auf ihre Ehrfurcht vor dem (wahren) Herrn (Jdt 8,8: fobou, menoj to. n ku,rion me, gaj) 1 gepaart mit ihren „Verführungskünsten“ als schöne Frau 2 (10,4: evkallwpi,sato sfo,dra eivj avpa,thsin ovfqalmw/n avndrw/n o[soi a' n i;dwsin auvth,n) zurückgeführt. Beides wird höchst unterschiedlich bewertet: Man kann einerseits über sie Kommentare lesen, die von einer überaus frommen, fast heilig mäßigen Frau 3 , einer standhaften Witwe 4 mit männlichen Kardinalstugenden 5 sprechen, und anderseits von einer Lügnerin 6 oder 1 Vgl. Jdt 16,15: de. toi/j foboume,noij se.16: o` de. fobou,menoj to.n ku,rion me,gaj dia. panto,j. Man kann betreffend fobe,w und in Kombination mit khro,j für Gott (9,8: ku,rioj o;noma, soi) von einer Rahmung um den zweiten Teil des Buches, das die fromme Judit ein- führt, sprechen. Ansonsten wird von der Heldin in Gesellschaft der Assyrer nur qeo,j verwendet. Allerdings ist die Doppeldeutigkeit in der vordergründigen Anrede des Holofernes als „mein Herr“ (ku,rioj mou; 11,4–6.10.11.17 u.ö.) wohl auf Judits Gott zu beziehen. MILLER, Buch, 92, bezeichnet gar die „Rede Judiths vor Holofernes“ als „ein Meisterstück von Doppeldeutigkeit“. 2 Vgl. ENSLIN, Book, 10: “… the Assyrian camp marvelled at her beauty”. 3 Vgl. ENSLIN, Book, 9: “… a very pious woman …”; OTZEN, Tobit, 101–106. 4 Vgl. MILLER, Buch, 73; ENSLIN, Book, 9: “Judith, a very beautiful and devout widow”; GROSS, Judit 60 und 62: „… in der kirchlichen Überlieferung zum Typus für Maria, den gottwohlgefälligen Menschen schlechthin …“; OTZEN, Tobit 72. 5 Vgl. CORLEY, Imitation 47. Er bezieht sich auf die Aufzählung in 4Makk 1,18 (bzw. Weish 8,7): fro,nhsij kai. dikaiosu,nh kai. avndrei,a kai. swfrosu,nh, die mit sofi,a kombi- niert ist. 6 Vgl. SCHMITZ, Trickster, 9, die hingegen Judits Rede so sieht: „Ironie als Simulation von Unaufrichtigkeit, deren Ziel es ist, durchschaut zu werden. Judits Ironie besticht insofern durch besondere Aufrichtigkeit“. Für sie kommt es auf den „Unterschied zwischen Ironie und Lüge“ an, der von den Lesern decodiert werden kann. Zur Iro- nie schon HAAG, Studien, 49; DOUBLEDAY, Principle, 438; OTZEN, Tobit, 72f; ZENGER, Buch, 499; ENGEL, Buch, 371; aber dazu kritisch von GROSS, Judit, 95: „Über die sittli- che Qualität ihres Vorhabens macht sie sich keine Gedanken“; DAY, Faith 71: “mo- rally ambiguous”; WOJCIECHOWSKI, Teaching 85–96. Angemeldet | renate.egger@sbg.ac.at Autorenexemplar Heruntergeladen am | 22.08.19 16:35