Ipseitas, São Carlos, vol. 6, n. 1, pp. 21-30, jan-jun, 2020 21 Wissenschaft und Askese beim späten Nietzsche. Zur Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung, Abschnitte 23 bis 28 Andreas Urs Sommer Professor de Filosofa da Universidade de Freiburg Andreas.Urs.Sommer@philosophie.uni-freiburg.de Abstrakt: Das Ziel der folgenden Ausführungen ist es, ein genaues Bild von Nietzsches Argumentation am Ende seiner 1887 erschienenen ”Streitschrift” Zur Genealogie der Moral (GM) zu geben. Diese Kapitel sind für Nietzsches spätes Wissenschaftsverständnis von einschneidender Bedeutung. Daher lohnt es sich, ihm Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel zu folgen. Schlüsselwörter: Genealogie; Nietzsche; Wissenschaft; Geschichte; Askese. GM III 23 GM III 23 nimmt zu Beginn das Motiv des vorangegangen Abschnitts 22 auf, wonach der ”asketische Priester” mit der ”seelische[n] Gesundheit” auch den ”Geschmack” verdorben habe (392, 31-393, 1), was dort am Beispiel des Neuen Testamentes und der (frühen) Christen illustriert wird. GM III 23 tauscht allerdings das Subjekt aus: Statt vom ”asketischen Priester” wird jetzt wieder direkt vom ”asketischen Ideal” (395, 11) gesprochen, das sich dieses Gesundheits- und Geschmacksverderbens schuldig gemacht habe – und es habe auch noch ”etwas Drittes, Viertes, Fünftes, Sechstes verdorben” (395, 12f.), ohne dass das prominent auftretende Ich sagt, worum es sich da handelt. Denn es gehe hier gar nicht um Wirkungen dieses Ideal, sondern ausschließlich darum, ”was es bedeutet, worauf es rathen lässt, was hinter ihm, unter ihm, in ihm versteckt liegt, wofür es der vorläufge, undeutliche, mit Fragezeichen und Missverständnissen überladne Ausdruck ist” (395, 16-19). Damit wird die Grundfrage der Dritten Abhandlung, die allerdings das Ideal noch in den Plural gesetzt hat, wieder aufgegrifen (vgl. NK 339, 9) und spezifziert: Die Frage nach der Bedeutung des asketischen Ideals ist nicht bloß die Frage nach dessen Relevanz im Sinne seiner weltgeschichtlichen Wirkung – ja, ist angeblich am allerwenigsten diese Frage, obwohl die Dritte Abhandlung sich mit diesen Wirkungen im Vorangegangenen ausgiebig beschäftigt hat und sie weidlich dazu nutzt, das fragliche Ideal zu diskreditieren. Gerade die Folgen sind es, die es so schlecht dastehen lassen. In GM III 23 gilt die Frage nach der Bedeutung als Frage nach einem Dahinterhinterliegenden, Verborgenen, das die Oberfäche des Ideals gerade nicht verrät. Was das sein soll oder sein könnte, sagt erst der allerletzte Abschnitt des Buches ganz explizit, nämlich der ”Willen zum Nichts” (GM III 28, KSA 5, 412, 11f.), während GM III 23 eher vage davon spricht, dass asketische Ideal habe ”ein Ziel” (395,