1 Autor: Gregory S. Moss Übersetzer: Niels Feuerhahn Gottesgeburt und Fleischwerdung des Nichts: Der Inkarnationsgedanke bei Meister Eckhart und im Zen-Buddhismus [Note: This is a truncated, German version of the forthcoming paper „An Ontology of Non- Discriminatory Love” (Springer, Companion to Ueda Shizuteru), which was presented to the faculty of the Augustana Hochschule in Neuendettelsau, Germany in July 2019.] Daisetz Suzuki ist bekannt dafür, dass er Meister Eckharts Philosophie mit dem Zen- Buddhismus gleichgesetzt hat. Im Folgenden erbringe ich den Nachweis, dass ungeachtet ihrer Ähnlichkeiten, grundsätzliche Unterschiede zwischen Eckhart und dem Zen-Buddhismus zeigen, dass jeder Versuch, diese in Übereinstimmung miteinander zu bringen, sich unterhöhlt. Nichtsdestotrotz stimme ich Rudolf Otto zu, der in seinem Buch Mysticism: East and West mit Recht behauptet, dass der Westen das bestmögliche Verständnis des Zen-Buddhismus auf dem Wege des Denkens Eckharts' erlangen kann. 1 In seinem Buch Gottesgeburt bietet Prof. Ueda Shuzteru dem Westen eine Einführung in die Philosophie des Zen-Buddhismus durch seine sachkundige vergleichende Analyse der Unterschiede zwischen Eckharts spekulativem Mystizismus und der Zen-Philosophie. 2 Anstatt einfach mit Hilfe von Eckharts spekulativem Mystizismus in den Zen-Buddhismus einzuführen, ist Uedas eigene Philosophie zutiefst von seiner Auseinandersetzung mit Eckhart beeinflusst. So hebt James Heisig hervor: “Eckharts Bibellesart widerspiegelt sich in Uedas Deutung der Ochsen-Bilder.” 3 Entsprechend sind Uedas Kritik an und Aneignung von Eckharts Denken insofern ein Vorreiter der interkulturellen Theologie und Philosophie, als sie das Vergleichspotential von Eckharts Philosophie der ununterscheidbaren Vereinigung realisiert. 4 Jesus lehrt uns: „Darum sollt Ihr Vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ 5 In seinem Werk De incarnatione finden wir die folgenden berühmten Worte des Athanasius von Alexandrien, einem der Helden des Konzils von Nicäa (AD 325): “Gott wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden.” 6 Da Gott Vollkommenheit ist, macht diese Aussage deutlich, dass 1 Otto 1971: 269-272. 2 Der vollständige Titel lautet: Die Gottgeburt in der Seele und der Durchbruch zur Gottheit: Die mystische Anthropologie Meister Eckharts und ihre Konfrontation mit der Mystik des Zen-Buddismus. 3 Heisig, James W. “Approaching the Ueda Shizuteru Collection”. https://nirc.nanzan-u.ac.jp/en/files/2012/12/JWH-Ueda- senshu-review.pdf 4 Dieses Potential hat jüngst Christina Radler in ihrem Aufsatz “Losing the Self: Detachment in Meister Eckhart and its Significance for Buddhist-Christian Dialogue” kommentiert. 5 Lutherbibel, Matthäus 5:48 6 Athanasius, De incarnatione 54, PG 25, 192B. ( https://books.google.ca/books?id=aI1uDwAAQBAJ&pg=PA25&lpg=PA25&dq=athanasius+%22gott+wurde+mensch %22&source=bl&ots=w6KmvKtS4A&sig=ACfU3U0iTZUsh3bStC0W64887FW7nDViWQ&hl=en&sa=X&ved=2ahU