Heiner F. Klemme Kants Erörterung der „libertas indifferentiae“ in der Metaphysik der Sitten und ihre philosophische Bedeutung 1 In the “Introduction” to his Metaphysics of Morals Kant argues that “freedom of choice [Freiheit der Willkür] cannot be defined – as some have tried to define it – as the ability to make a choice [Wahl] for or against the law (libertas indifferentiae), even though choice [Willkür] as a phaenomenon provides frequent examples of this in experience”. This contribution will discuss the concepts of will and the power of choice mainly in the context of the Doctrines of Right and Virtue. I will refer to the reasons by which Kant was caused to develop this seemingly paradoxical con- ception of our freedom of choice. Kant’s considerations are philosophically signifi- cant because he tries to substantiate why there are conceptual reasons that let all attempts to explain our decisions for or against our moral obligations fail. 1. Einleitung Es gehört zu den verwirrenden Aspekten von Kants praktischer Philosophie, dass er ihre wichtigsten Begriffe, nicht selten in ein und derselben Schrift, in verschiedenen Bedeutungen gebraucht, ohne sie klar voneinander abzugrenzen. Und wendet er sich diesen Begriffen dann doch in definitorischer Absicht zu, will dem Leser nicht immer die Pointe seiner Bemühungen einleuchten. Hierfür mag es verschiedene Erklärungen geben: Ein Autor, der sich nicht die Zeit neh- men will, die Bedeutung seiner Begriffe vollumfänglich zu erläutern; ein Leser, der über den Kontext von Kants Philosophie nur unzureichend aufgeklärt ist und Erläuterungen erwartet, die einem Zeitgenossen des Königsberger Philoso- phen selbstverständlich sind; eine philosophische Problematik, die von Autor wie Leser nur schwer zu durchschauen und begrifflich zu fixieren ist. Dies alles trifft sicherlich auf Kants Ausführungen zu den Begriffen des Willens und der Willkür zu, deren Relevanz für seine praktische Philosophie außer Frage steht. Kant vertritt die Ansicht, dass sich das Begehrungsvermögen prinzipiell vom (im engeren Sinne so zu verstehenden) Erkenntnisvermögen und vom Vermö- 1 Für kritische und weiterführende Kommentare zu früheren Fassungen des vorliegen- den Beitrags danke ich Reinhard Brandt (Marburg), Bernd Ludwig (Göttingen), Gabriel Rivero (Mainz) und Falk Wunderlich (Mainz) sowie den Teilnehmern meines Mainzer Oberseminars über die Philosophie der Neuzeit. – Vereinzelt greife ich auf Passagen aus früheren Aufsätzen zurück (Klemme, 2006, 2008, 2008 a und 2008 b). Angemeldet | Klemme@uni-mainz.de Autorenexemplar Heruntergeladen am | 15.11.14 10:53