1 Full and final version published in: Über die Seele, hrsg. von Katja Crone, Robert Schnepf und Jürgen Stolzenberg, Frankfurt am Main: suhrkamp, 2010, S. 154-173. Selbst ohne Seele. Humes Konzeption des Geistes Heiner F. Klemme Wer sich mit der Philosophie des Geistes beschäftigt, kommt an David Hume nicht vorbei. In seinem Treatise of Human Nature (1739/40) stellt er eine Konzeption von Selbst (self), Geist (mind) oder Seele (soul) vor, die einige Autoren 1 aufgrund ihres unverhohlenen Naturalismus enthusiastisch feiern, während andere sie als reduktionistisch zurückweisen und für die „Existenz eines nicht-humeschen Selbst“ 2 plädieren. Ein Grund für diese geteilte Einschätzung liegt vor allem in Humes Frontstellung gegen die von René Descartes in den Meditationes de prima philosophia (1641) wieder belebte Substanzmetaphysik. Weil wir nach Hume nur erkennen können, was uns in unserer Wahrnehmung (perception) gegeben ist, eine Substanz aber „völlig verschieden von einer Wahrnehmung“ ist, haben wir „keine Idee von einer Substanz.“ 3 Die ontologische Auffassung des Geistes und speziell Descartes’ dualistische Konzeption von denkender Substanz (res cogitans) und Materie (res extensa) sind nach Humes Urteil das Produkt einer entfesselten philosophischen Phantasie, auf die nur ein Narr stolz sein kann. Um nicht als Passagiere auf dem Narrenschiff der Metaphysik zu enden, müssen wir bei der Erforschung der menschlichen Natur der „experimentellen Methode“ folgen, die bereits von Bacon und Newton im Bereich der Erforschung der Natur erfolgreich angewandt worden ist. Sie führt uns zu der Erkenntnis, dass der Geist nichts anderes als eine „Menge oder Ansammlung von verschiedenen Wahrnehmungen 1 “Hume’s Treatise is the foundational document of cognitive science: it made explicit, for the first time, the project of constructing an empirical psychology on the basis of a representational theory of mind; in effect, on the basis of the Theory of Ideas.” Fodor, Hume Variations, S. 134. 2 Searle, Geist, S. 300. 3 T 234. Der Treatise (Sigel T), der Abstract of a Book lately published … (Sigel Abs) und die Enquiry concerning Human Understanding (Sigel E) werden unter Angabe der Seitenzählung der Ausgaben von Selby-Bigge zitiert.