13 Heimat THÜRINGEN 2 / 2020 Privatbriefe sind ein Fenster in die Sprache ihrer Zeit, da sie in der Regel der Alltagssprache sehr nahekommen. Aus Mühlhausen (Türingen) hat sich durch einen erst seit kurzem erkannten Zufall der früheste bekannte Brief in jiddischer Sprache erhalten: Bei archäologischen Untersuchungen im Dachbereich über der alten Ratskanzlei, die heute Teil des Stadtarchivs ist, konnten neben mittelalterlichen Armbrust- und Glasfragmenten auch ganze 271 Schriftdokumente geborgen werden, darunter ein hebräisches Esterrollenfragment (das heißt, ein Stück des biblischen Buches Ester) und ein jiddischer Privatbrief. Am Anfang war das Wort Doch zunächst einmal: Was ist überhaupt Jiddisch? Jüdinnen und Juden siedelten seit dem späten 10. Jahrhundert im deutschen Reichsgebiet, zunächst vornehmlich in den Kathedralstädten. Später lebten sie auch in zahlreichen weiteren Städten, etwa in der Reichsstadt Mühlhausen. Sie sprachen selbst- verständlich die deutsche Sprache, denn sie wollten schließlich mit ihrer Umwelt kommunizieren. Deutsch war im Mittelalter in allen verschiedenen lokalen Dialekten die Muttersprache der Jüdinnen und Juden, mit Ausnahme derjenigen, die etwa aus Frankreich oder anderen Ländern einwanderten. Für den rituellen Gebrauch aber wurde die Sprache entsprechend der vornehmlich religiösen Bedürf- nisse angepasst. Außerdem lernten insbesondere Juden aber auch Jüdinnen für gewöhnlich ein Mindestmaß an Hebräisch – und zwar Lese- und Schreibfertigkeiten. Dies beeinfusste im Verlauf des Mittelalters zunehmend auch ihre Sprache, in der sich hebräische Wörter je nach Wunsch der Sprecher mehr oder weniger stark integrierten. Der jiddische Brief aus Mühlhausen doku- mentiert eine frühe Stufe dieser Entwicklung, die sprachgeschichtlich als Altjiddisch bezeichnet werden kann und sich in der frühen Neuzeit schließlich zu einer eigenständigen Sprache, dem heute untergangenen (West-)Jiddischen, entwickelte. Eine Kriminalgeschichte Auch der Inhalt des – wie gewöhnlich – mit hebräischen Buchstaben geschriebenen jiddischen Briefs birgt zahlreiche Überraschungen. Er wurde von einem Salman Ewerlin verfasst, der seinem in Mühlhausen lebenden Freund Moses Saulin um das Jahr 1436 in Eile mitteilte, dass der Tü- ringische Landgraf einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt hat (das man sol dich tafsen [Hebräisch für: verhaften]). Grund hierfür war, dass Moses von einer unbekannten Frau des Betrugs in Folge von Geschlechtsverkehr angeklagt worden war. Der Brief berichtet detailliert davon, dass die beiden sich erst im Haus des Moses in dessen Stube an einem Mittwoch getrofen haben – und später dann in ihrem Haus (das du si geschnit [d.h. Geschlechtsverkehr haben] hoßet an einem mit- wuchen in dinem eigen hus in diner stuwen un dornoch in irem hus uner dem berg). Moses versprach ihr einen Mantel und Schmuck (un hoßet ir geret [d.h. versprochen] tzef [d.h. Schmuck] un ainen sarbel [Hebräisch für: Mantel]). Es scheint, dass die Frau eine Prostituierte war und auch im Mittelalter hatten diese Dienste entlohnt zu werden. Allerdings machte Moses seine Versprechen dann doch nicht wahr, bezahlte sie also nicht für ihre Dienste, so dass sie ihn verklagte. Während die Ritter des Landgrafen sich nun auf den Weg nach Mühlhausen machten, um Moses zu inhaftieren, warnte ihn sein Freund Salman mit diesem Brief. Er riet ihm, sich an Andreas Lehnertz Ein Privatbrief aus Mühlhausen in Thüringen Zum vermutlich frühesten Brief in jiddischer Sprache ANDREAS LEHNERTZ forscht zur jüdischen Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Die Untersuchungen über der alten Ratskanzlei (Foto: Udo Hopf)