Emmanuel Faye HEIDEGGER UND DIE FRANZÖSISCHEN KATHOLIKEN Aus dem Französischen von Michael Federkeil Keineswegs alle katholischen Denker haben das Heideggersche Werk positiv aufgenommen. Henri de Lubac z.B. verfasste im Jahre 1942, als er sich ge- meinsam mit Gaston Fessard im Widerstand der "Cahiers du témoignage chrétien" engagierte, eine harsche Kritik am Nationalsozialismus und führte gerade Heidegger und Rosenberg an, um die absolut zerstörerische Kraft des- sen darzustellen, was er "Nazismus" nennt. 1 Auch einige französische Tho- misten wie Jacques Maritain oder Pater Marie-Dominique Chenu empfanden im Gegensatz zu einigen deutschen Thomisten wie Pater Johannes B. Lotz keinerlei Sympathie für die Heideggersche Lehre vom Sein. Zugleich sind es, um an zeitgenössische Beispiele aus Deutschland und der Schweiz zu erin- nern, die katholischen Philosophen Kurt Flasch 2 und Charles Morerod 3 , die die sorgfältigsten und sachlichsten Berichte über unsere kritische Heidegger-For- schung 4 geschrieben haben. Allerdings fanden und finden sich noch immer katholische Philosophen, bei denen Heidegger eine positive Aufnahme erfahren hat. Wie ist dies zu erklä- ren? Hier begegnet uns ein eklatanter Widerspruch: Heidegger war zwar auf- grund seiner Herkunft und seiner Ausbildung vom Katholizismus geprägt, ge- riet jedoch schon bald mit dem ererbten Glauben in Konflikt und wurde, wie wir noch sehen werden, während der Jahre seines öffentlichen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus zu einem erbitterten Gegner des Christentums im Allgemeinen und des Katholizismus im Besonderen. Dieser Widerspruch lässt sich m.E. nur auf dem Hintergrund eines schwer- wiegenden Missverständnisses seitens einiger französischer Philosophen er- klären. Sie glaubten, in der Heideggerschen Lehre vom Sein und vom Heiligen 1 Henri de Lubac, Les fondements religieux du nazisme et du communisme, in: ders., Rési- stance chrétienne au nazisme, Paris 2006 (Œuvres complètes XXXIV), 215, 218-219. 2 Kurt Flasch, Er war ein nationalsozialistischer Philosoph, in: Süddeutsche Zeitung v. 14. Juni 2005, 16. 3 Charles Morerod, Deux livres qui mettent en question Heidegger, in: Nova et Vetera 81 (2006) H. 3, juillet-août-septembre, 95-101. 4 Vgl. Emmanuel Faye, Heidegger, l’introduction du nazisme dans la philosophie. Autour des séminaires inédits de 1933-1935, 2. Aufl., Paris 2007.