Marjan Sterckx Sisyphus’ Töchter. Bildhauerinnen in Westeuropa von ca. 1750–1920 154 Seitdem organisierte man weltweit zahlreiche Claudel-Aus- stellungen, erschienen Musicals und mehr oder weniger wissenschaftliche Publikationen über sie, oft in ihrer Be- ziehung zu Auguste Rodin (1840–1917). 2017 eröffnete in Nogent-sur-Seine schließlich das Musée Camille Claudel, das erste vollwertige einer Bildhauerin gewidmete Museum, und Anne Rivières »Dictionnaire des sculptrices en France« erschien. 6 Es versammelt 3500 Bildhauerinnen, von denen zwischen 1550 und 2000 in Frankreich studierten (die Mehr- heit im langen 19. Jahrhundert), lebten und/oder ausstell- ten, darunter auch zahlreiche Ausländerinnen, da Paris als Anziehungspunkt fungierte. 7 Sechs Jahre früher verantwor- tete Rivière die Ausstellung »Sculpture’ Elles. Les sculpteurs femmes du XVIIIe siècle à nos jours« im Musée des Années Trente in Boulogne-Billancourt, wie auch den begleitenden Katalog. 8 Im Vereinigten Königreich zielte die Aufmerksam- keit vor allem auf »Madame Tussaud«, Anne Damer und vier viktorianische Bildhauerinnen. 9 Ein umfassendes Nachschla- gewerk über europäische Bildhauerinnen existiert vorerst noch nicht und noch viel Forschung ist notwendig. Dieser Beitrag zeigt in groben Zügen, chronologisch und anhand einiger Protagonistinnen, die Problematik der Bild- hauerinnen im langen 19. Jahrhundert in Westeuropa. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Frankreich und England, die bereits am besten untersucht wurden, mit Ausflügen nach Belgien, in die Niederlande und nach Deutschland. In den klassischen Künstlerlexika sind zusammengenommen hun- derte von westeuropäischen Bildhauerinnen überliefert. Es handelt sich um die bekanntesten ihrer Zeit, die in den Salons (wo sie seit dem späten 18. Jahrhundert Präsenz zeigten) ausstellten und in der damaligen Presse erwähnt wurden. Obwohl ihr Anteil sehr gering ist (nach Schätzun- gen etwa ein bis fünf Prozent aller Bildhauer), sind sie in absoluten Zahlen doch ziemlich zahlreich. Einige Themen laufen wie rote Fäden durch die Argumentation: u. a. Autor- schaft, Laientum und Professionalisierung, Ausbildung und Mobilität, Lebens- und Arbeitsumstände, Partnerwahl, Ehe Status quaestionis: ein relativ neues Forschungsgebiet 1905 während der ersten feministischen Welle schrieb Maria Lamers de Vits das Buch »Les femmes sculpteurs, graveurs et leurs œuvres«. 1 Nicht nur erwähnte sie 231 Bild- hauerinnen, meistens französische, inklusive ihrer Adressen, sondern sie identifizierte und thematisierte damit gleich- zeitig Bildhauerinnen als Phänomen. Die feministische Au- torin widmete sich auch den Zeichen der Anerkennung die- ser Frauen, wie Werken im öffentlichen Raum, staatlichen Ankäufen, Preisen und Ehrentiteln. Bei der Suche nach his- torischen Künstlerinnen in den Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren, während der zweiten feministischen Welle, kamen auch einige Bildhauerinnen zum Vorschein; einige Monografien waren die Folge. Der sogenannte »White Mar- morean Flock«, eine faszinierende Gruppe von amerikani- schen Bildhauerinnen, unter ihnen Harriet Hosmer (1830– 1908), die um 1850 nach Rom zog, bekam schon bald Auf- merksamkeit. 2 1984 wurde in New York die Ausstellung »The Woman Sculptor. Malvina Hoffman and her Contem- poraries« organisiert und drei Jahre später bekam ein Kapi- tel in Eleanor Tufts’ »American Women Artists, 1830–1950« den Titel »Who Ever Heard of a Woman Sculptor?«. 3 1990 erschien dann das umfangreiche Standardwerk »American Women Sculptors. A History of Women Working in Three Dimensions«, von den frühen »Native Americans« bis zur Gegenwart. 4 Auch in Europa kam die Erforschung und Neubewertung von Bildhauerinnen um 1970 auf. Das Pariser Musée Rodin bil- dete den Mittelpunkt mit der Gruppenausstellung »Trois sculpteurs Soviétiques: A. S. Goloubkina, V. I. Moukhina, S. D. Lebedeva« von 1971 und Einzelausstellungen für Marcello (1980) und Camille Claudel (1984). Camille Claudel (1864–1943) rückte erneut ins Interesse dank der Abschluss- arbeit von Reine-Marie Paris über ihre Großtante und vor allem dank Anne Delbées romantisiertem Theaterstück und ihrem Roman »Une Femme« (1982) sowie Bruno Nuyttens tragi-romantischem Spielfilm »Camille Claudel« (1988). 5