231 230 Marcus Böick ∙ Constantin Goschler ∙ Benno Nietzel Die beratene Transformation Marcus Böick ∙ Constantin Goschler ∙ Benno Nietzel Die beratene Transformation Westdeutsche Experten in Ostdeutschland nach 1990 Zu den prägenden Erfahrungen des Einigungsprozesses gehören die west- deutschen und in aller Regel männlichen Experten, die vor allem beim Auf- und Umbau von Behörden, Gerichten und Unternehmen in Ostdeutschland zu Zehntausenden präsent waren und teils nur wenige Monate, teils mehrere Jahre blieben. In der Erinnerung der ehemaligen westdeutschen Akteure der »beratenen Transformation« Ostdeutschlands verklärt sich dies häufg zu ei- nem patriotischen Abenteuer in einem exotischen Grenzland, wobei gleicher- maßen berufiche wie private Erfahrungen aufgerufen werden. Demgegenüber wird oftmals eine in Ostdeutschland weitverbreitete Wahrnehmung dieser Gruppe als Symbol einer westlichen Übernahme tradiert. Bis heute wird dies gern mit der süfsanten Behauptung garniert, dass sich vor allem zweit- oder drittklassiges Westpersonal als ein Heer von Glücksrittern auf den Weg nach Osten gemacht habe, 1 womit diese zugleich in eine Traditionslinie kriegeri- scher oder kolonialer Eroberungen in der Vergangenheit einrücken. Solche mit reichlich anekdotischem Futter versehenen Erzählungen schrei- ben ein dichotomisches, zwischen den Polen »Aufbau« und »Abwicklung« schwankendes Deutungsmuster fort, das bereits in den frühen 1990er-Jahren entstand und das bis heute auch die nun beginnende zeithistorische Erfor- schung dieser Zeit stark beeinfusst. Einerseits wird die deutsche Einigung als eine »nachholende Modernisierung« Ostdeutschlands verstanden, als deren funktionale Agenten die westdeutschen Experten gewirkt hätten. Dement- sprechend untersucht die zeithistorische Forschung einerseits den tendenziell als alternativlos angesehenen politischen und ökonomischen Strukturwandel »von oben« aus der Perspektive der anleitenden und tonangebenden west- deutschen Institutionen, Organisationen und Akteure. Dem steht andererseits eine Geschichte ostdeutscher Überwältigungserfahrungen gegenüber, die auf eine Opfergeschichte »von unten« hinausläuft. Es liegt nahe, dass solche Erzählmuster auch deshalb so hartnäckig verteidigt werden, weil sie sich in unterschiedlicher Weise jeweils vorzüglich dazu eignen, aktuelle politische Po- sitionierungen zu stützen: So lassen sich je nach Façon alternativ die Vorzüge von liberaler Demokratie und sozialer Marktwirtschaft gegenüber sozialisti- scher Parteiherrschaft und dirigistischer Kommandowirtschaft oder umge- kehrt die Scheinheiligkeit skrupelloser westdeutscher Eliten bei einer kapi- talistisch-neoliberalen »Abwicklung« der DDR begründen. Zudem lassen sich auch Elemente aus beiden Erzählungen erfolgreich verbinden, etwa indem marktwirtschaftliche Positionen mit populistischer Elitenkritik verknüpft wer- den, was etwa eine Partei im Osten erfolgreich betreibt, deren dortiges Füh- rungspersonal selbst besonders stark von Westimporten geprägt ist. In der gegenwärtigen Aufmerksamkeitskonjunktur für die frühen Jahre nach der deutschen Einigung werden solche Mechanismen noch dadurch ver- stärkt, dass sich die einstigen Akteure nun in omnipräsente »Zeitzeugen« ver- wandeln. Damit proftieren diese vom Aufstieg einer gesellschaftlichen Figur, die seit einiger Zeit zu einem Eckpfeiler der historischen Erinnerungskultur geworden ist. 2 Hatten die westdeutschen Experten also schon zeitgenössisch die praktische Deutungshoheit über die Geschehnisse beansprucht, so tun zu- mindest einige von ihnen dies heute im Kostüm des Zeitzeugen. Doch existiert kaum ein öfentliches Forum, auf dem nicht auch die ostdeutsche Gegenseite energisch Zeitzeugenschaft reklamiert und damit vor allem eigene Opfer- und Überwältigungserfahrungen hervorhebt. Und so eignet vielen solcher Diskus- sionsveranstaltungen und Tagungen zur frühen Phase der deutschen Einigung etwas geradezu Teaterhaftes: Auf wechselnden, meist hoch subventionierten Bühnen wird wieder und wieder dasselbe Stück aufgeführt, in dem verwegene Helden und betrogene Opfer ihre Monologe deklamieren. Aus diesem doppelten Deutungskorsett der Zeitgenossen- und Zeitzeu- genschaft beginnt sich die zeithistorische Forschung eben erst allmählich zu befreien. Dies ist umso schwerer, als politische Akteure versuchen, mit reich- lich Geld Forschungslandschaften zum Blühen zu bringen, und natürlich dar- auf hofen, dass dort dann auch Blumen mit richtiger Couleur und passendem Odeur sprießen mögen. Bezog sich eine solche, stark politisch induzierte For- schungsförderung lange Zeit vor allem auf die Zeit vor 1990 und konkret auf die Geschichte der DDR, verschiebt sich der Schwerpunkt nun mehr und mehr auf den Abschnitt danach: Der aufammende Streit um »Erfolg« oder »Schei- tern« der Einigung verlängert in gewisser Weise den altbekannten und im Kern oft wenig produktiven Konfikt um »Diktatur« und »Alltag« in der DDR. Dem sollte die Zeitgeschichtsforschung selbstbewusst ihre eigene Agenda entgegen-