Zeitschrif für Literaturwissenschaf und Linguistik 44. Jg., 175 (2014) Alexander Kirichenko Satura und Pikareske: Der unendliche Spaß der Satyrica Petrons Saturna and Picaresque. ›Infnite Jest‹ in Petron’s Satyrica In a deliberately circular manner, this article reads ›Neronian‹ literature in general and Petronius’ Satyricon in particular through the lens of David Foster Wallace’s Innite Jest in order to suggest that this reading can protably be applied to conceptualizing the role of picaresque narratives in the 20th and 21th Century culture. It begins by using the notion of satura as a metaphor for the preoccupation with oversaturation evident in both satirical (Persius’ Satires and Seneca’s Apo- colocyntosis) and patently non-satirical (Seneca’s tragedies and Lucan’s De bello civili) texts of ›Neronian‹ literature. It then offers a cursory discussion of a few central episodes of the Satyricon while arguing that Petronius’ proto-picaresque account of a journey though the culturally over- saturated landscape of the Roman Empire results in the disturbing image of an imprisonment in the nightmare of the never-ending carnival. Keywords: Menippean satire, Saturnalia, roman decadence, carnivalesque, proto-picaresque Schlagwörter: Menippeische Satire, Saturnalien, Dekadenz, Karnevaleske, Proto-Pikareske Innite Jest – ein 1996 veröffentlichter Roman von David Foster Wallace – bietet nicht nur eine dystopische Vision der Zukunft, sondern auch eine verstörend düs- tere Sicht auf die schöpferische Kraft des bachtinschen Karnevals. 1 In der Welt des Romans ist die allumfassende Globalisierung so weit fortgeschritten, dass selbst die Zeit den Großkonzernen gehört (im System der subsidized time gibt es keine numerischen Werte mehr, sondern nur etwa the Year of the Whopper oder the Year of the Perdue Wonderchicken) und alle nordamerikanischen Staaten eine einzige 1 Bachtin, M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt a. M. 1996, S. 47–60. Die kreative Kraft des Karnevals (und der Karnevalisierung) ist unzertrennlich da- mit verbunden, dass es sich um einen temporären Ausnahmezustand handelt, der in starker Opposition zur hierarchisch strukturierten ›Normalität‹ steht. Vgl. insb. S. 48: »Die Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die die gewöhnliche Lebensordnung bestimmen, werden für die Dauer des Karnevals außer Kraft gesetzt. Das betrifft vor allem die hierarchische Ordnung und alle aus ihr erwachsenden Formen der Furcht, Ehrfurcht, Pietät und Etikette, das heißt: alles, was durch die sozialhierarichische und jede andere Ungleichheit der Menschen, einschließlich der altersmäßigen, geprägt wird. Jegliche Distanz zwischen den Menschen wird aufgehoben, usw.« Und was geschieht, wenn der Karneval zur einzigen »gewöhnlichen Lebensordnung« wird, die es überhaupt gibt?