1 Lyotards Konzept des Widerstreits Eine unrealistische Relektüre Sergej Seitz Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Interkulturelles Philosophieren: Harmonie und Widerstreit, Universität Wien, 20.5.2019 Abstract: Rezente neorealistische Kritiken werfen J.F. Lyotard im Zuge einer pauschalen Abrechnung mit der sogenannten ‚Postmoderne‘ vor, mit seinem Begriff des Widerstreits einen unhaltbaren Anything-Goes-Relativismus zu vertreten. Die Vorwürfe erweisen sich nicht nur als unzutreffend, sondern das Konzept des Widerstreits eignet sich darüber hinaus dazu, die ideologischen Einsätze derartiger Fehldeutungen zu analysieren. 1. Das unsagbare Heilige In den 1990er Jahren wurden in Australien mehrere Rechtsstreitigkeiten zwischen Baugesellschaften und Vertreter*innen australischer Ureinwohner, der Aborigines, ausgefochten. In einem dieser Rechtsfälle ging es um ein Bauprojekt einer Entwicklungsgesellschaft, die auf einer Insel ein Territorium bebauen wollte, das den dort ansässigen Aborigines als heilig gilt. Vor Gericht war zu klären, ob den ökonomischen Interessen der Bauherren an der Urbarmachung des Landes oder den religiösen Interessen der Ureinwohner an seiner Unversehrtheit Priorität einzuräumen ist (vgl. Malpas 2003, 57ff). Die Ausgangssituation im Rechtsstreit war jedoch aufseiten der Aborigines-Vertreter*innen durch eine wesentliche Komplikation gekennzeichnet: In deren Vorstellungswelt ist das Aussprechen der Gründe, warum ein Ort heilig ist, gegenüber Fremden tabuiert. Außenseiter in das Geheimnis der Heiligkeit des Ortes einzuweihen würde diesen Ort sofort profanieren. Die sakrale Bedeutung wird innerhalb der Gemeinschaft matrilinear von den Müttern an die Töchter weitervermittelt (vgl. Malpas 2003, 57f). Der Schutz des Geheimnisses ist für den Schutz des Heiligen notwendig. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für den Eintritt in einen Rechtsstreit. Denn die Aborigines-Vertreter*innen stehen damit vor einer unmöglichen Wahl: Entweder sie verzichten auf die Teilnahme am Verfahren – verzichten also darauf, die Gründe darzulegen, warum das