Martin Ritter Die Unmittelbarkeit des Mediums Zur Aktualität der Medienphilosophie Walter Benjamins Dieser Aufsatz möchte zeigen, dass Medienphilosophie einen zentralen Bestand- teil von Walter Benjamins Denken bildet und dass erst mit der Überwindung der Annahme, Medien seien vor allem Kommunikationsmittel, eine komplexere und weitreichendere Refexion seines Verständnisses von Medialität möglich wurde. Ein Medium mag sicher auch als Mittel dienen, doch wird der Begrif für Benja- min dort interessant, wo Medien die unmittelbare Wahrnehmung der Welt bedin- gen. Erst die Verschiebung in der Auffassung unmittelbarer Wahrnehmung als natürlicher, d. h. historisch unveränderlicher, hin zur Idee ihrer nichtnatürlichen Bedingtheit lässt Benjamins Zugang zur Medialität in den Mittelpunkt rücken.1 Das Medium ist bei Benjamin kein intersubjektives Kommunikationsmittel und vorrangig auch keine Bezeichnung für ein konkretes technisches oder künst- lerisch Vermittelndes, sondern eher das, worin sich Wahrnehmung vollzieht. Vor- läufg und vage gesprochen bezeichnet das Medium die Atmosphäre, in der Wahr- nehmung stattfndet, eher als eine konkrete Materie oder technisches Vorgehen. Natürlich stellt sich hierbei die Frage, inwieweit diese »Atmosphäre« durch die mit ihr verbundenen Technologien oder durch Materialitäten überhaupt bedingt ist. Benjamins Denken der Medialität ist auch heute gerade deswegen fruchtbar, weil es die Medialität als solche, d. h. als grundlegendes und auf andere Phäno- mene nicht reduzierbares Prinzip einführt. Benjamin reduziert also Medialität nicht auf Technologien, nicht einmal in der Epoche einer »technischen Reprodu- zierbarkeit«, noch betrachtet er die Vermitteltheit unserer Existenz als etwas rein Ökonomisches – auch wenn seine späten Arbeiten von Karl Marx inspiriert sind. Ich möchte zunächst mit einem Überblick über einige Konstanten in Benja- mins Denken mit Blick auf Medialität beginnen, um mich im zweiten Teil auf den berühmten Essay über »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reprodu- zierbarkeit« zu konzentrieren. 1 Vgl. Detlev Schöttker, »Benjamin Medienästhetik«, in: ders. (Hg.), Walter Benjamin. Medienäs- thetische Schriften, Frankfurt/M. 2002, S. 411–433, insb. S. 412–415. https://doi.org/10.1515/jbmp-2019-0007