Spes Christiana 15–16, 2004–2005, 52–71 „Gott ist in der Mitten…“ Ein Beitrag zur Theologie des Gottesdienstes Rolf J. Pöhler Theologische Hochschule Friedensau Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. So dichtete Gerhard Tersteegen (1697–1769), der bedeutendste Mystiker der deutschen reformierten Kirche, in einem seiner bekannten Kirchenlieder. 1 Die Entdeckung der inneren Gegenwart Gottes wurde für ihn zum entscheidenden Datum seines Denkens und Lebens. Darin fand er auch eine befriedigende Ant- wort auf die neuzeitliche Gottesfrage „ob Gott sey“. 2 Mit dem aufklärerischen Zweifel an der Existenz Gottes geriet das Fundament des christlichen Glaubens ins Wanken, die Kirchen und ihre Lebensäußerungen wurden zunehmend der Kritik unterzogen. Zur Krise des Gottesglaubens gesellte sich konsequenterweise die Krise des Gottesdienstes. 1. Der Gottesdienst – Krise und Ausweg Von der Krise des Gottesdienstes zu reden, ist weder neu noch ungewöhnlich. Anlass sind häufig die seit Jahrzehnten kontinuierlich zurückgehenden Teilneh- merzahlen. Inzwischen liegt der Gottesdienstbesuch evangelischer Christen in Deutschland an einem normalen Sonntag bei unter 4%. Die katholische Kirche kann zwar auf deutlich höhere Zahlen verweisen; jedoch ist der Besuch der Eucharistiefeiern seit 1950 von durchschnittlich 50% auf nur noch 15% der Kir- 1 Evangelisches Gesangbuch, Nr. 165. 2 „Für T[ersteegen] ist also die Antwort auf die neuzeitliche Gottesfrage und seine Identitätskrise die mystische Erfahrung. Man muß aber hinzufügen, daß es sich um eine christliche, ja protestan- tisch geprägte Erfahrung handelt: im Hintergrund schattet sich deutlich das Rechtfertigungsgesche- hen ab, welches Luther so hervorgehoben hatte“ (Janzen 1996, 674–695).