Orsolya Lénárt (Budapest) Johann Graf Mailáth und Ferenc Kazinczy – Die Geschichte einer langjährigen (Brief-)Freundschaft 1. Einleitendes Der Briefwechsel Ferenc Kazinczys (1759–1831) mit literarischen Prominenzen im In- und Ausland stand im vergangenen Jahrhundert im Mittelpunkt literaturhis- torischer Arbeiten 1 und seine Korrespondenz wurde bereits Anfang des 20. Jahr - hunderts in der Reihe „Kazinczy Ferenc összes művei“ veröfentlicht. Der Grund, warum es sich erneut lohnt, auf den Briefwechsel des „Doyens der ungarischen Li- teratur“ (Varga 2013: 146) einzugehen, ist diesmal nicht primär die Tatsache, dass er in der Gattung Brief ein literarisches Ausdrucksmittel sah, dass er dem Stil sei- ner Briefe sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt hat oder dass seine Schriften an seine Schriftstellerkollegen 2 als stark subjektive, historische und kultur- sowie li- teraturhistorische Quellen gelten (Sziklay 1989: 39–42), die auch einen Einblick in die Verhältnisse der aufblühenden ungarischen Literaturszene gewähren. Im Fo- kus meiner Untersuchung steht vielmehr eine Person, die von der deutschsprachi- gen und ungarischen Literaturgeschichtsschreibung viel weniger Aufmerksamkeit erhielt als Kazinczy, und die mit ihm in regem Kontakt stand. Im vorliegenden Bei- trag wird Johann Graf Mailáth (1786–1855), eine der prägendsten Vermittlerfgu- ren des Reformzeitalters zwischen Wien und Ofen-Pest, in den Mittelpunkt gestellt. Ich möchte Kazinczys Korrespondenz aus der Sicht Mailáths untersuchen, um die Kernfrage des vorliegenden Beitrags beantworten zu können. Sie lautet wie folgt: Wie kann die Position Mailáths in der ungarischen Literaturszene und seine Funktion als Vermittler zwischen Kulturen charakterisiert werden? Da die detaillierte Beantwortung dieser Frage den Rahmen eines wissen- schaftlichen Aufsatzes wohl sprengen würde, muss man einerseits auf die Frage- stellung, inwieweit es Mailáth gelang, Strömungen und Tendenzen der deutsch- sprachigen Literatur in Ungarn bekannt zu machen, verzichten. Außerdem 1 Siehe dazu u. a. die Tätigkeit der „Forschungsgruppe für Textologie der Klassischen Unga- rischen Literatur“ an der Universität Debrecen, welche die Digitalisierung der Kazinczy- Korrespondenz durchführte sowie die Publikationen von Attila Debreceni, Etelka Don- csecz oder Czifra Mariann. Vgl. mit: http://textologia.unideb.hu/tanulmanyok/ (abgefragt am 25.03.2018). 2 Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird nicht ausdrücklich zwischen geschlechtsspezi- fschen Personenbezeichnungen diferenziert. Die gewählte männliche Form schließt eine adäquate weibliche Form gleichberechtigt ein.