486 DZ 116 20 LINGUISTIK Taube und hörende mehrsprachi- ge Personen aktivieren nie nur eine Sprache, sondern die vorhandenen Sprachen sind simultan aktiv. Für taube bimodal-bilinguale Personen konnte eine solche Ko-Aktivierung in mehreren Studien mit erwach- senen Proband*innen und für ver- schiedene Sprachen gezeigt werden. Dabei zeigt sich ein robuster Ko-Ak- tivierungseffekt, der allerdings nicht in allen publizierten Studien völlig identische Muster hat. Die Gründe für charakteristische Un- terschiede des Effekts wurden bis- her noch nicht untersucht. Außer- dem ist bisher nicht bekannt, ab welchem Zeitpunkt in der Sprach- entwicklung eine solche sprachliche Ko-Aktivierung einsetzt. Im vorlie- genden Artikel reflektieren wir die Ergebnisse unserer bisherigen Stu- dien zur Ko-Aktivierung von Gebär- densprachen und Lautsprachen in ihrer geschriebenen Form bei tau- ben bimodal-bilingualen Erwach- senen und Kindern. 1. Einleitung Während Bilingualismus lange Zeit eher als Ausnahme galt, hat die Un- tersuchung von Zwei- und Mehrspra- chigkeit mittlerweile einen festen Platz in der psycholinguistischen For- schung (Grosjean 1989; 1998; 2010; Kroll & Bialystok 2013). Ein Beispiel hierfür ist die Frage danach, wie die Sprachverarbeitung von bilingualen Personen genau gestaltet ist. Nach- dem der Forschungsfokus zunächst auf der Frage lag, welche Auswirkun- gen Zweisprachigkeit auf den Erwerb und Gebrauch der einzelnen Spra- chen haben könnte, haben Studien mittlerweile gezeigt, dass die vorhan- denen Sprachen bis zu einem gewis- sen Grad gleichzeitig aktiviert wer- den – selbst wenn in dem jeweiligen Kontext nur eine der Sprachen rele- vant ist (Kroll & Bialystok 2013). Für Lautsprachen konnte diese sog. Ko- Aktivierung für mehrere Sprachen und auf verschiedenen linguistischen Verarbeitungsebenen nachgewiesen werden, unter anderem während des Lesens, Hörens und Sprechens (Dijkstra & Van Heuven 2002; Marian & Spivey 2003; Kroll, Bobb & Wod- niecka 2006). Die lautsprachliche Ko- Aktivierung kann demnach auf pho- nologischer, semantischer und gra- phemischer Ebene erfolgen – oder auch auf allen drei Ebenen gleichzei- tig, bspw. bei der Verarbeitung des niederländischen Worts „appel“ und des deutschen Worts „Apfel“. Gebärdensprachen und Laut- sprachen haben allerdings keine oder kaum Überschneidungen auf der phonologischen und graphemi- schen Ebene – die parallele Aktivie- rung der Sprachen kann deshalb, an- ders als bei der unimodalen Ko-Ak- tivierung von zwei Lautsprachen, fast ausschließlich auf der semanti- schen Ebene untersucht werden. Das konnten wir erstmals in einer Stu- die mit ASL-Englisch bilingualen Er- wachsenen zeigen, die an einem Ex- periment zur Beurteilung semanti- scher Verwandtschaft von englischen Wortpaaren teilnahmen (Morford et al. 2011). Die Reaktionszeiten zeigten einen Einfluss der Phonologie der ge- bärdensprachlichen Übersetzungs- äquivalente der englischen Stimuli, obwohl diese zu keinem Zeitpunkt präsentiert wurden und der Test rein schriftsprachlich war. Offensichtlich wurden die Gebärden beim Lesen von englischen schriftsprachlichen Wör- tern automatisch und nicht sprach- selektiv aktiviert. Dieser Ko-Aktivie- rungseffekt wurde seitdem in zahlrei- chen Folgestudien und mit verschie- denen Sprachen repliziert (Shook & Marian 2012; Morford et al. 2014; Gie- zen et al. 2015; Kubus et al. 2015; Pan et al. 2015; Villameriel et al. 2016; Meade et al. 2017; Morford et al. 2017; Quandt & Kubicek 2018; Morford et al. 2019; Hosemann et al. 2020; Men- doza & Jackson Maldonado 2020). Wie sieht diese Ko-Aktivierung im Detail aus und welche sprachlichen sowie stichprobenspezifischen Unter- schiede gibt es? Das soll hier anhand ausgewählter Studien mit demsel- ben experimentellen Paradigma dar- gestellt und diskutiert werden. Dabei wird ein neuer, bisher nicht berück- sichtigter Aspekt miteinbezogen: Die bisherigen Studien haben crossmoda- le Ko-Aktivierung fast ausschließlich bei erwachsenen Proband*innen un- tersucht. Die Frage, ob Gebärdenspra- chen und Lautsprachen auch schon in der kindlichen Sprachentwicklung si- multan aktiviert werden, wurde bis- her kaum behandelt. In einer einzi- gen Studie wurde eine picture-word matching-Aufgabe mit tauben Schul- kindern durchgeführt, die bilingual in Niederländisch und Niederländi- scher Gebärdensprache (NGT) wa- ren (Ormel et al. 2012). Die Ergebnis- se zeigen eine veränderte Reaktions- Crossmodale Ko-Aktivierung von Schriftsprachen und Gebärdensprachen bei tauben Kindern und Erwachsenen Ein Resümee bisheriger und ein Ausblick auf zukünftige Studien VON AGNES VILLWOCK, ERIN WILKINSON UND JILL P. MORFORD Beitrag aus: DAS ZEICHEN 116/2020 • Zeitschrift fr Sprache und Kultur Gehörloser (https://ggkg.online/das-zeichen) Herausgeber der Zeitschrift DAS ZEICHEN ist die Gesellschaft fr Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (GGKG) e.V. Werden Sie Mitglied (falls Sie es nicht schon sind) und sichern Sie so das weitere Erscheinen der Zeitschrift. Näheres unter https://ggkg.online.