Kollektive Selbstbestimmung in Autokratien? Agenda-Building im Zusammenspiel von (digitalen) Medien und Aktivisten bei Anti- Folter-Protesten in Ägypten Hanan Badr / Carola Richter Der Beitrag fokussiert auf die Rahmenbedingungen und Mechanismen, die die kollektive Selbstbestimmung politisch marginalisierter Akteure in autoritären Kontexten prägen. Auf der Grundlage des Agenda-Building-Ansatzes analysieren wir, wie es solchen Ak- teuren gelingen kann, häufig tabuisierte counter-issues einer breiten Öffentlichkeit zu- gänglich und so dem autoritären Regime die Deutungshoheit streitig zu machen. Nicht zuletzt wird damit auch die Legitimität des Regimes in Frage gestellt. Exemplarisch soll dies an den letzten Monaten der Herrschaft Mubaraks in Ägypten 2010 bis 2011 darge- legt werden. Der Beitrag untersucht empirisch den Fall des Todes von Khaled Said, der als Symbol für willkürliche Polizeigewalt gerahmt wurde, und zeichnet dabei den Trans- fer der Agenda der Aktivisten in die Agenda der Massenmedien nach. Mittels einer kom- biniert quantitativ-qualitativen Inhaltsanalyse wird der Themenzyklus des Falls in zwei Printmedien und einer Facebook-Seite verglichen (N=316). Die Analyse wird ergänzt durch Interviews mit Journalisten und Aktivisten, um die dem erfolgreichen Agenda- Building zugrundeliegenden Mechanismen näher zu beleuchten. Schlüsselwörter: Aktivismus, Agenda-Building, Khaled Said, Themenzyklus, Ägypten, Arabischer Frühling, autoritäre Staaten, Social Media, Öffentlichkeit, Polizeigewalt Einleitung Der Menschenrechtspreis von Amnesty International ging 2018 an das ägyptische Al- Nadeem Center for Rehabilitation of Torture Victims. Das Al-Nadeem Center doku- mentiert Menschenrechtsverletzungen in Ägypten und unterstützt die Opfer von Folter bei der Bewältigung der physischen und psychischen Folgen. Die Mitarbeiter des Zen- trums tun dies in einem politischen Umfeld, das zivilgesellschaftlichen Aktivitäten re- gelrecht feindlich gesonnen ist. In den letzten Jahren wurden zahlreiche NGOs in Ägyp- ten verboten, ihre Mitarbeiter verhaftet, ihre Gelder eingezogen (Freedom House, 2017). Dennoch arbeitet dieses Zentrum weiter, obwohl es sich mit einem politisch so heiklen Thema wie staatlicher Gewalt und insbesondere Polizeifolter beschäftigt. Wir sehen in diesem Versuch der zivilgesellschaftlichen Akteure, die Deutungshoheit über die öf- fentliche Bewertung politischer Vorgänge, wie etwa staatlicher Gewalt, zu erlangen, einen Akt bürgerlicher Selbstbestimmung. Im Unterschied zu psychologischen Konzepten, die Selbstbestimmung zumeist als individuell-motivationalen Ansatz verstehen (vgl. Lilleker & Koc-Michalska, 2017) oder staatstheoretischen Konzepten, die kollektive Selbstbestimmung mit den Souveränitäts- ansprüchen von Nationen gleichsetzen (vgl. Ladwig, 2014), konzipieren wir sie demo- kratietheoretisch als gemeinschaftlich getragene Forderungen nach Befreiung von auf- gezwungenen Zuschreibungen und Verhältnissen. Träger dieser Akte sind zumeist lose geformte Gemeinschaften, die „auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation“ (Raschke, 1988: 77) Wandel herbeiführen wollen. Ansätze aus der Forschung zu sozialen Bewegungen argumentieren, dass ein geteiltes Empfinden über Ungerechtigkeiten zur Ausprägung einer kollektiven Identität und einer gemein- 1. 542 DOI: 10.5771/1615-634X-2018-4-542 https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-4-542, am 18.01.2021, 10:23:43 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb