ULRICH HOFMEISTER  ULRICH HOFMEISTER Zentralasien: Vom Zentrum der Seidenstraße zum Hinterhof der Großmächte – und zurück? Zentrum und Peripherie sind oft nicht auseinanderzuhalten. Das zeigt sich am Beispiel Zentralasiens besonders deutlich: Riesige Steppen, Wüsten und Hochgebirge trennen diese Region von all ihren Nachbarn ab, sodass Zent- ralasien aus chinesischer, byzantinischer und iranischer Perspektive ebenso wie später aus russischer und britischer Sicht stets vor allem eine periphere und schwer zugängliche Landmasse war (Fragner 2006a: 12). Und doch zeigt die Benennung „Zentralasien“ bereits die Zentralität der Region an: Sie liegt in der Mitte zwischen heterogenen kulturellen Zentren und bildete durch die Jahrhunderte immer wieder einen Transfer- und Knotenpunkt für kultu- relle Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen. Obwohl Zentralasien also einer- seits als mehrfacher „Hinterhof“ angesehen werden kann, kommt andererseits gerade dadurch auch seine zentrale Lage zustande. Unter dem Ausdruck Zentralasien soll im Folgenden die Region verstanden werden, in deren Kern heute die fünf ehemaligen Sowjetrepub- liken Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan liegen. Im Osten und Südosten wird dieses Gebiet von den Gebirgen des Altai, des Tienschan und des Pamir begrenzt, im Süden folgen der Hindu- kusch und das Kopet-Dag-Gebirge, während der Westen Zentralasiens vom Kaspischen Meer begrenzt wird. Im Norden schließlich geht die zentralasia- tische Steppe in den südsibirischen Waldgürtel über. Wenn man Zentralasien in diesem Sinne betrachtet, ist ein zentrales Charakteristikum dieser Region ihr fehlender Wasserabfluss zu den Weltmeeren, da alle Flüsse – darunter die beiden großen Ströme Syr-Darja und Amu-Darja – in Binnengewässer münden oder in der Steppe versanden. Neben dieser „engeren“ Definition Zentralasiens gibt es eine Reihe weiterer Definitionen, die etwa auch die