HÄNDEL, ENGLAND UND MILTON. Eine Kulturskizze zu Samson Hans Walter Gabler Georg Friedrich Händel kam aus Italien und war noch kaum 25 Jahre alt, als er 1710 beim Kurfürsten Georg von Hannover in den Hofdienst trat. In Italien war er als blutjunges Musik- genie herumgereicht worden. Er hatte erste große Erfolge gefeiert, und ein Geistesleben hatte ihn angerührt, wie er es in seiner sachsen-anhaltinischen Heimat nicht gekannt hatte, und wie er es nun wieder in der norddeutschen Provinz schmerzlich vermisste. Er suchte aus der Enge bald um Urlaub an, ging 1711 nach London und fand dort die Wahlheimat für sein Leben. England nahm den Musiker Händel offen auf. Sein italienischer Ruhm war ihm vorange- gangen. Was ihn in England hielt, waren die Herausforderungen und Chancen in London für einen freien Komponisten und freiwirtschaftlichen Musikentrepreneur. Es war aber entschei- dend auch die intellektuelle ‘Szene’. England hatte mit seinen konstitutionellen Umwälzungen im 17. Jahrhundert auch die absolutistische Fürsten- und Hoforientiertheit abgeschüttelt, wie sie, von Frankreich bestimmt, auf dem Kontinent noch allenthalben herrschte. London bot den geistigen und gesellschaftlichen Raum, in dem aus der Kulturgemeinschaft von Adeligen und Bürgern die Aufklärung englischer Prägung erwuchs. In Zirkeln, die sich in immer neuen Formationen trafen, tauschten sich die führenden Geister der Zeit aus über die Bedeutung der Künste, der Literatur, der Musik, der Architektur; über klassisches Erbe und christliche Tra- dition, und über den Erziehungs- und Bildungsgrund schließlich von Kunst, Schreiben, Den- ken und Reden. Händel war darein einbezogen. Er band sich in die Traditionen des englischen Musiklebens ein, er gewann Vertrautheit mit englischem Denken, englischer Wahrneh- mungsweise und der englischen Literatur, und er lernte nicht nur ein Verständigungsenglisch (angel-sächsisch soll’s bei ihm geklungen haben), sondern entwickelte eine unterscheidungs- reiche Sensibilität für die Sprache seines Wahllandes. Der freie geistige Austausch prägte Händels Menschenbild, intensiv psychologisch durchdrungen im Geist eines christlich aufge- klärten Humanismus, welches das übergreifende und herausragende Merkmal seiner Werke, der Opern wie der antik-mythologischen und biblischen Oratorien, ist. Händel hatte in dieser Kulturbegegnung auch selbst reich zu geben. Seine Wirkung in England beruhte in der ersten Phase zweier Jahrzehnte auf seiner leidenschaftlichen Hingabe an die italienische Oper. Ihr Reiz mag für die Londoner Kultur- und Gesellschaftselite vorder- gründig ihrer Neuartigkeit und Fremdheit entsprungen sein. Anhaltend aber rührte ihre Faszi- nation aus der Menschlichkeit der Figuren- und Handlungsentwicklungen, welche das Thea- tergenie Händel in Musikdramatik umsetzte. Seine wesenhaft dramatische Kunst vermochte er wunderbarerweise noch zu verdichten und ganz in die musikalischen Strukturen selbst hinein zu vertiefen, als ihm ab den 1730er Jahren das Publikum nicht mehr durch Windungen der barockisierten Historienstoffe typischer opera seria-Libretti folgte und ihm, dazu, Erlasse des Bischofs von London Bühnen- und Schauspielrepräsentationen versagten. Kunstgeschmack und -erwartungen wandelten sich, weil sich das Publikum wandelte. Das puritanisch geprägte städtische Bürgertum erstarkte in London: Ein kalvinistisches, ein aus- erwähltes Volk, ein neues Israel gleichsam, dem die biblischen Stoffe des Alten Testaments Identifikationsmythen waren. Ein Volk aber auch, das in einer eigenen großen, von William Shakespeare und John Milton und ihren Zeitgenossen herrührenden Literaturtradition und deren Sprache lebte. Dabei konvergierten die Sprache der nationalen Literatur und die Spra-