Gemeinsame Sitzung der AG Geschlechterforschung und AG Theorien in der Archäologie Hanna Jegge; Jana Esther Fries; Sophie- Marie Rotermund Verbandstagung MOVA und WSVA 2021 in Jena 4.-7.10.2021 Kategorienbildung und dann? Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielfalt archäologisch begreifen „[…] gender boundaries are not always simple. There must have been unboyish boys and ungirlish girls in the middle ages, as in any society, and those who (for some reason or other) wished to cross the line.“ N. Orme, Medieval Children (2001), 328. In der deutschsprachigen Archäologie war der Betrachtungsraum zu Geschlecht lange bestimmt von einem unreflektierten, untertheoretisierten und von hegemonia- len Männlichkeitskonstruktionen geprägten Diskurs (Alt/Röder 2009; Dommasnes et al. 2010; Fries/Rambuschek/Schulte-Dornberg 2007; Müller-Scheeßel 2011; Röder 2014). Heute ist, nach rund 30 Jahren kritisch feministischer Geschlechterforschung, die spezifische Auseinandersetzung mit Gender und Sex ein kleines, aber überwie- gend akzeptiertes Forschungsgebiet. Trotzdem wird weiterhin vielfach angenommen, dass alle prähistorischen Gesell- schaften ein stabiles, eindeutiges und lebenslang gleiches Konzept von geschlechtli- cher Identität, Geschlechterrollen, Familienbildung, Sexualität und damit verbunde- nen gesellschaftlichen Rollen aufweisen. Auch wird davon ausgegangen, dass Ge- schlecht (Sex und Gender) jeweils eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste so- ziale Kategorie war (Hofmann 2014; Rambuschek 2018; Burmeister/ Müller- Scheeßel 2005). Diese Annahmen führen zu einem eng begrenzten Rollenreper- toire. Sie schließt sowohl unterschiedliche Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit aus, wie auch weitere Geschlechter, Veränderungen innerhalb eines Lebens, Unein- deutigkeit oder Zwischenformen (Alt/Röder 2009; Hofmann 2009; Voss 2008; Alberti 2013; Ghisleni/Jordan/Fioccoprile 2016). Dadurch ist Geschlecht von Seiten archäo- logischer Forschung als vermeintlich eindeutige soziale Kategorie sowohl als falsche historisierende als auch ebenso zeitlose anthropologische Konstante behandelt zu werden.