Wachstum und Décroissance – Bruchstücke einer Genealogie zweier Begrife seit den 1970er-Jahren Kein Zweifel, dass der Umsetzung von Wachstumsrücknahme im Süden wie im Norden eine regelrechte Entgiftungskur vorangehen muss. Wachstum hat ja die ganze Zeit nicht nur als schädlicher Virus gewirkt, sondern auch als Droge. (Serge Latouche 2004) 1 Einleitung: Wachstum und Décroissance – zwei Seiten derselben Medaille? Den Ausgangspunkt für den vorliegenden Beitrag bildet ein historisch-gesell- schaftlicher Befund, der kaum zu bestreiten sein dürfte: Im Verbund mit »Wett- bewerb« respektive »Wettbewerbsfähigkeit«, nicht selten im Gleichklang mit weiteren Großbegrifen wie »Entwicklung« und »Fortschritt«, hat sich »Wachs- tum« in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 zu einem Schlüsselbe- grif der politisch-ökonomischen Debatte entwickelt. 1 Genauer gesagt, setzt in Deutschland der Siegeszug des Wachstumsbegrifs gegen Ende der 1960er-Jahre ein. Dabei handelt es sich, das lehrt ein Blick in die damaligen politischen und wissenschaftlichen Debatten, keineswegs um einen unumstrittenen Begrif oder ein über alle Zweifel erhabenes Konzept, was zu der Omnipräsenz der Diskussio- nen eher beigetragen hat, als sie einzudämmen. Die Virulenz des Begrifs und zugleich dessen Infragestellung zeigt sich an der gegenwärtig (wieder) aufam- menden Wachstumskritik. Glauben wir dieser, dann stehen die Zeichen ver- meintlich auf Veränderung, denn, so der für eine »Postwachstumsökonomie« plädierende Ökonom und Wachstumskritiker Nico Paech: »Multiple Krisen- szenarien erschüttern den vielleicht letzten Konsens, der moderne Gesellschaf- 1 Vgl. zum Wettbewerb als weiterer Schlüsselbegrif der Gegenwartsgesellschaft Wetzel (2013), S. 15 f. Dietmar J. Wetzel