Tonalität im nördlichen Niederdeutschen und in Skandinavien: eine areale Perspektive Steffen Höder (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) 1 Ausgangspunkt Mitunter fällt auf, dass Beschreibungen strukturell sehr ähnlicher Phänomene in ver- schiedenen Varietäten stark divergieren. Das geschieht vor allem, wenn die betref- fenden Varietäten zu verschiedenen Sprachen gehören und dann im Rahmen sprach- spezifischer Beschreibungstraditionen analysiert werden, die den Blick auf struktu- relle Gemeinsamkeiten über Sprachgrenzen hinweg potenziell verstellen. Problema- tisch ist dies besonders dann, wenn die betreffenden Varietäten geographisch be- nachbart sind, sodass Kontakt als ein Faktor bei der Entstehung oder der Ausbrei- tung struktureller Ähnlichkeiten durchaus plausibel ist. Das gilt auch für den Phänomenbereich, den der vorliegende Beitrag behandelt, nämlich die Existenz in einem weiten Sinne tonaler Strukturen im nördlichen Nie- derdeutsch (d. h. in großen Teilen des Nordniederdeutschen und des Mecklenbur- gisch-Vorpommerschen) sowie in skandinavischen Varietäten, insbesondere in den südjütischen Dialekten des Dänischen. Es wird aus der Perspektive der variations- sensitiven Arealtypologie (Höder 2016b: 108–111) die These diskutiert, dass hier (a) auf der Nonstandardebene Arealbildung quer zu Sprachgrenzen zu beobachten ist und dass (b) das nördliche Niederdeutsch in diesem Kontext areal zu einem größeren vorwiegend festlandskandinavischen Gebiet gehört. Dabei spielt die Frage, welche genaue Rolle Sprachkontakt bei der Entstehung des Areals gespielt haben mag, zunächst eine untergeordnete Rolle. Die auch in der historischen Kontaktlinguistik lange verbreitete Scheindichotomie, die strukturelle (‚sprachinterne‘) Faktoren im Sprachwandel kontaktbasierten (‚sprachexternen‘) ge- genüberstellt (vgl. Thomason 2010), muss inzwischen als überholt gelten. Vielmehr gibt es ein weites Spektrum von Möglichkeiten, wie sich Sprachkontakt diachron auswirken kann; dies reicht von eindeutig kontaktbedingten strukturellen Übernah- men auf der einen Seite über kontaktforcierte Innovationen bis hin zu kontaktbe- dingter Stabilität oder gar Divergenz (Kühl/Braunmüller 2014) auf der anderen Sei- te. Auch ist ein Primat rein struktureller Erklärungen für Sprachwandelphänomene nicht haltbar: Sprachkontakt führt naturgemäß nie zu Strukturen, die außerhalb der Kontaktsituation völlig ausgeschlossen wären (auch wenn dieselben Sprachwandel- prozesse dort unwahrscheinlicher sein mögen), und muss auch nicht nur dann als ul- tima ratio herangezogen werden, wenn keine befriedigenden rein strukturellen Er-