M. May
1, 2
· F. Kendel
3
· B. Hoschke
1
· C. Gilfrich
2
· S. Kiessig
1
· S. Pflanz
1
· M. Seidel
1
·
S. Brookman-Amissah
4
1
Klinik für Urologie, Carl-Thiem-Klinikum, Cottbus
2
Klinik für Urologie, Klinikum St. Elisabeth Straubing GmbH, Straubing
3
Biometrische Arbeitsgruppe, Institut für Medizinische
Psychologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Berlin
4
Klinik für Urologie, Klinikum der Stadt Weiden i.d.OPf., Weiden
Adjuvante autologe
Tumorvakzine beim
Nierenzellkarzinom
Gesamtüberlebensanalyse mit einem Nachbe-
obachtungszeitraum von mehr als 10 Jahren
Originalien
Hintergrund und Fragestellung
Das Nierenzellkarzinom (NZK), für
das die Zahl der jährlichen Neuerkran-
kungen in Deutschland aktuell auf mehr
als 15.500 Patienten geschätzt wird, stellt
auch im lokal begrenzten Tumorstadi-
um mit einer postoperativen Tumorpro-
gression in nahezu einem Drittel der Pa-
tienten eine Herausforderung dar [1, 2, 3].
In einer multizentrischen Studie an >2500
operierten Patienten aller Tumorstadi-
en betrug das tumorspezifische Über-
leben 5 und 10 Jahre nach chirurgischer
Entfernung des Tumors 74,2% respekti-
ve 67,2% [4]. Diese Daten verdeutlichen,
dass durch die alleinige operative Thera-
pie in vielen Fällen keine ausreichende Tu-
morkontrolle zu erreichen ist. Es besteht
ein erheblicher Bedarf an effektiven adju-
vanten Therapien, deren Anwendung sich
an der individuellen onkologischen Pro-
gnose des Patienten orientiert und zu ei-
ner Reduktion des Rezidivrisikos führt.
Es existieren mehrere extern validierte
Prognosescores, die eine Risikoabschät-
zung hinsichtlich des progressionsfreien
Überlebens, des tumorspezifischen Über-
lebens oder des Gesamtüberlebens er-
möglichen [4, 5, 6, 7]. Die Prognose der
Patienten lässt sich durch diese Nomo-
gramme somit bereits zum Zeitpunkt der
Operation gut abbilden. Definitive Hin-
weise für eine wirksame adjuvante The-
rapie der Patienten mit lokal begrenztem
NZK existierten bis vor einigen Jahren al-
lerdings nicht.
Bislang konnte durch eine randomi-
sierte und kontrollierte Studie nur für ei-
ne Therapie in der adjuvanten Indikati-
on ein Einfluss auf die Prognose belegt
werden. In einer im Februar 2004 in The
Lancet publizierten multizentrischen Pha-
se-III-Studie wiesen Jocham et al. [8] die
Wirksamkeit einer adjuvanten autologen
Tumorzelllysatvakzine (Reniale®) durch
die Reduktion des Progressionsrisikos
nach radikaler Nephrektomie nach. Das
progressionsfreie Überleben lag 70 Mo-
nate postoperativ in der Vakzinegrup-
pe bei 72% und in der Kontrollgruppe le-
diglich bei 59,3% (p=0,0204). Die Neben-
wirkungsrate war mit <1% außerordent-
lich gering (2 Patienten mit insgesamt 12
mild-moderaten impfstoffbedingten un-
erwünschten Wirkungen), und die Le-
bensqualität wurde durch die Vakzinie-
rung nicht negativ beeinflusst. Die Auto-
ren dieser Arbeit kamen zu der Schluss-
folgerung, dass eine adjuvante Behand-
lung mit autologer Tumorzelllysatvakzine
bei Patienten mit einem M0-NZK>2,5 cm
postoperativ in Betracht gezogen werden
kann. Die deutsche Arbeitsgruppe dieser
Studie mit hohem Evidenzlevel (Level 1b)
musste sich anschließend einer kontrover-
sen Diskussion stellen [9]. Einer der zen-
tralen Kritikpunkte an dieser Studie war
der Umstand, dass als Untersuchungsend-
punkt das progressionsfreie Überleben ra-
tifiziert wurde [9]. Es wurden Daten ge-
fordert, die als „härteren“ Parameter das
Gesamtüberleben berücksichtigen. Ob-
wohl inzwischen eine zweite Analyse die-
ser Phase-III-Studie vorliegt, in der Do-
ehn et al. [10, 11] die statistisch signifi-
kanten Ergebnisse zum progressionsfreien
Überleben zugunsten der Vakzinegruppe
bestätigen konnten und erstmals auch ei-
nen Vorteil hinsichtlich des Gesamtüber-
lebens nachwiesen, hat die europäische
Zulassungsbehörde (EMEA) die Durch-
führung einer zweiten kontrollierten Stu-
die zur Bedingung für eine Zulassung von
Reniale® gemacht.
In der hier vorliegenden großen retros-
pektiven Untersuchung wurde der Ein-
fluss einer adjuvanten Therapie mit der
autologen Tumorzelllysatvakzine (Reni-
ale®) auf das Gesamtüberleben von Pati-
Urologe 2009
DOI 10.1007/s00120-009-2044-y
© Springer Medizin Verlag 2009
1 Der Urologe 2009
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