zdfm.budrich-journals.de 1 Call for Papers zum Themenschwerpunkt für das Heft 2/2022 der Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management Ökonomisierungsprozesse im Diskursfeld Flucht/Migration und Bildung: Ein- und Ausschlüsse zwischen Persistenz und Veränderung Herausgeber_innen: Ellen Kollender, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg Veronika Kourabas, Universität Bielefeld Niels Uhlendorf, Humboldt-Universität zu Berlin Im Diskursfeld Flucht/Migration und Bildung fand bisher nur vereinzelt eine Auseinandersetzung mit den Auswirkungen (sozial)staatlicher Transformationen statt, die sich in den letzten Jahrzehnten in Form einer Ökonomisierung des Sozialen vollzogen haben (vgl. u.a. Niephaus 2018; Boltanski/Chiapello 2003; Bröckling et al. 2000). Im (deutschen) Bildungssystem zeigte sich diese Entwicklung vor allem an Reformen, die seit Ende der 1990er Jahre unter Schlagworten wie Educational Governance, Schulautonomie, Qualitätsmanagement, Outputorientierung oder Bildungsstandards erfolgt sind (vgl. u.a. Höhne 2019; Hartong et al. 2018). Bei der Gestaltung von Bildungsprozessen und -institutionen dominieren in diesem Zusammenhang Kriterien der Effizienz, des Wettbewerbs, der Leistung, der Kommodifizierung und Individualisierung. Ausdruck einer solchen Entwicklung sind – neben der „managerialen Schule“ (Gerwitz 2003) – u.a. die Ausrichtung von Bildung an Anforderungen des Arbeitsmarktes, sog. Public-Private-Partnerships im Bildungsbereich, die Vermarktlichung von Lernmitteln im Zuge ihrer zunehmenden Digitalisierung und die verstärkte Implementierung von wirtschaftlichen Bildungsinhalten und -zielen in schulischen Curricula. Auch der politische Umgang mit Flucht/Migration erfolgt vielfach nach dem Kriterium der ökonomischen Zweckrationalität. Die temporäre Förderung von Flucht/Migration unter der Prämisse arbeitsmarktpolitischer Verwertbarkeit ist zwar keineswegs neu (vgl. Ha 2004; Kourabas i. E.). In der Verschränkung von Integrations- und Arbeitsmarktpolitik (vgl. Gerdes/Bittlingmayer 2011) sowie in ökonomistischen Argumentationslinien im Diskurs um eine partielle Grenzöffnung für Geflüchtete 2015/16 (vgl. Jäger/Wamper 2017; Georgi 2016) zeichnet sich jedoch eine Ausweitung und Verschiebung des Rechtfertigungshorizonts von Flucht/Migration unter nationalökonomischen Gesichtspunkten ab. Prozesse einer Ökonomisierung des Sozialen veranlassen nicht nur strukturelle Veränderungen. Sie beeinflussen auch Sprache, Diskurse und Wissen ebenso wie Verständnisse von Inklusion, (Bildungs-) Gerechtigkeit und Solidarität (vgl. Walgenbach 2019; Lütje-Klose et al. 2017). Dabei entstehen neue Marginalitäten sowie institutionelle Ein- und Ausschlüsse im Diskursfeld von Flucht/Migration und Bildung. So zeigen Studien, dass institutionelle Schwellen sowie Praktiken des Verwaltens von Zugangschancen im Bildungssystem, die sich u.a. im Zuge der „Verengung von Bildungsgerechtigkeit auf das meritokratische Prinzip der Leistungsgerechtigkeit“ (Gomolla 2017: 73; vgl. Gillborn/Yourdell 2000) herausgebildet haben, eng mit migrationsgesellschaftlichen Differenzkonstruktionen verwoben sind. Mehrfachdiskriminierungen und das Zusammenwirken verschiedener ungleichheitsgenerierender Kategorisierungen im Konnex aus Ökonomisierung und Rassifizierung wurden dabei bisher allerdings nur wenig in den Blick genommen. Auch zeichnet sich über die beschriebenen Entwicklungen eine Neukonstellierung von Anerkennungsverhältnissen im Diskursfeld Flucht/Migration und Bildung ab, die auf zunehmenden Anforderungen an Selbstverantwortung und Optimierung basiert (vgl. King et al. 2018; Bröckling 2007). Dabei sind v.a. migrationsandere Subjekte angehalten, sich als aktiv, leistungsbereit und (selbst)verantwortlich in Migrationsgesellschaft und (Bildungs-)Institutionen zu zeigen, u.a. um sich von Negativzuschreibungen abzugrenzen sowie strukturellen Ungleichheiten durch eigene Anstrengung zu begegnen. Derartige Subjektivierungsregime schreiben sich in Praktiken und