153 Hartmut Rosa (2019) Unverfügbarkeit. Residenz-Verlag, Salzburg, 133 S. Über etwas nicht verfügen zu können, macht an sich eher unruhig. Wer existenzielle Erfahrungen abkürzen oder lieber gleich ausschalten möchte, weiß davon wohl ein Lied zu singen. Doch ist das nicht darauf beschränkt. Auch banalere Themen eignen sich zum Verzweifeln daran, nicht allein bestimmend darüber verfügen zu können. Interessanterweise gibt die Akademie Graz im Residenz-Verlag eine Reihe unter dem Titel „Unruhe bewahren“ heraus. Das macht stutzig. Was sollte an Unruhe bewah- renswert sein – außer etwa für Uhrmacher, die noch analog ticken (lassen). Und ob eine „bewahrte Unruhe“ noch eine ist? Wie auch immer, in dieser Reihe ist nun eine Vorlesung erschienen, die Hartmut Rosa an der Akademie Graz im Frühjahr 2018 zum Thema „Unverfügbarkeit“ gehalten hat. Und dieses im Vergleich zu dem in jeder Hinsicht gewichtigen Hauptwerk „Resonanz“ 1 schmale Buch hat es in sich. Ich habe es mit nicht nachlassendem Interesse gelesen – und dabei immer wieder an unsere Profession gedacht. Man könnte sich wundern, dass es so lange gedauert hat, bis Resonanz zu dem Leitgedanken wurde, der trotz seiner umfänglichen Querverbindungen auf beinahe einfache, plausible und weiterführende Weise zu fast jedem wichtigen Thema eine frische Orientierung zu geben vermag. Da lassen sich – im weitesten Sinne – selbst die oft technizistisch wirkenden Systemdifferenzierungen sensu Luhmann in Schwin- gung bringen, wenn man es denn für nötig hielte. Unabhängig davon dürfte Reso- nanz für eine dermaßen an Beziehungen und Wechselwirkungen orientierte Perspek- tivenfamilie wie das Systemische ein zentrales Leitmotiv sein. Nun geht es in dieser Besprechung um Resonanz nur als Kontext für das Thema der Unverfügbarkeit. Und Rosa diskutiert es nicht unter psychologischen oder gar thera- peutischen, sondern unter soziologischen Gesichtspunkten. Dies jedoch so, dass die unmittelbare Relevanz für andere Ausgangspunkte der Weltbetrachtung wie von selbst aufscheint. Rosa beschreibt eine Gesellschaft als modern, „wenn sie sich nur dynamisch zu sta- bilisieren vermag, das heißt, wenn sie zur Aufrechterhaltung ihres institutionellen Status quo des stetigen (ökonomischen) Wachstums, der (technischen) Beschleu- nigung und der (kulturellen) Innovierung bedarf “ (S. 15) 2 . Da liegt sozusagen als „Mantra des modernen Lebens“ der kategorische Imperativ nahe: „Handle jederzeit so, dass deine Weltreichweite größer wird “ (S. 17). Die Querverbindung zum von 1) Hartmut Rosa (2016) Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2) Kursivstellung bei allen Zitaten wie im Original Buchbesprechungen