Erzählmotive in frühneuzeitlichen Kriminalquellen Klaus Graf Meinen Beitrag habe ich in fünf Abschnitte eingeteilt. 1 Im ersten gehe ich auf neuere kriminalitätshistorische Forschungen zu narrativen Elementen in Gerichtsquellen ein. Ausgangspunkt ist ein Blick auf das Buch von Natalie Zemon Davis „Fiction in the Archives" von 1987, dem inzwischen paradig- matischer Charakter zugesprochen werden kann. Der zweite Abschnitt widmet sich der Unterscheidung von literarischen und archivalischen Kriminalquellen und unterstreicht die Notwendigkeit, beide aufeinander zu beziehen. Der dritte Abschnitt handelt von Okkulttätern, die mit windigen Erzählungen sich die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen zunutze machten. Im vierten Abschnitt geht es um das Erzählmotiv der Unschuldszeichen, und der fünfte thematisiert abschließend methodische Aspekte: die Frage der konkurrierenden theoretischen Konzepte, das Verhältnis von Erzählung und Glaube sowie die Forderung nach Motiv-Indizes für archivalische Kriminalquellen. Die Begnadigung begnadeter Erzähler - oder: Natalie Zemon Davis und die Folgen Wie ein schreckliches Geschehen in eine Geschichte, eine Erzählung ver- wandelt wurde, hat 1987 die amerikanische Sozialhistorikerin Natalie Zemon Davis in ihrem Buch Fiction in the archives. Pardon tales and thcir tellcrs in sixteenth-century France am Beispiel einer faszinierenden archivalischen Quellengattung, den in Frankreich erhaltenen königlichen Gnadenbriefen bei Kapitalverbrechen („lettres de remission"), grandios demonstriert. Die deutsche Übersetzung trägt den weniger griffigen Titel: „Der Kopf in der Schlinge. Gnadengesuche und ihre Erzähler". Wer einen Menschen getötet hatte, konnte ein Gnadengesuch mit einer ausführlichen Darstellung des Vorfalls an den König richten. Begnadete Erzähler und Erzählerinnen konn- ten damit ihren Kopf retten - sie wurden begnadigt. Davis analysierte die Erzählungen im Kontext und zwar sowohl im Kontext der zeitgenössischen Jurisprudenz als auch der Novellistik. Von einem „Decamerone der Delin- 1 Die Vortragsform wurde beibehalten.