1 Strukturalismus in der Landschaftsarchitektur Udo Weilacher, Mai 2010 Sobald Landschaftsarchitektinnen und –architekten mit der Planung ausgedehnter, komplexer Kulturlandschaftsräume konfrontiert werden, etwa in Zusammenhang mit der Transformation großer ehemaliger Industrieflächen, stellt sich die zentrale Frage nach einer effizienten Analyse- und Entwurfsstrategie, die verhindert, dass man sich in der Untersuchung und Gestaltung jedes einzelnen Quadratmeters Fläche hoffnungslos verliert. Dem Strukturalismus wird in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung beigemessen. Spätestens seit Anfang der achtziger Jahre hat die Anwendung dieses theoretischen Ansatzes in der Landschaftsarchitektur zur Entstehung richtungsweisender Parkanlagen geführt, die sich durch vielfältige Lesbarkeit, flexible Nutzbarkeit und ortspezifische Geschichtsbezüge auszeichnen. Obwohl der Strukturalismus bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Linguistik entstand, setzte er sich in Architektur und Städtebau erst ab etwa 1960 als wichtige Avantgarde- Strömung durch. Historisch betrachtet blieb die Anwendung des Begriffs "Struktur" bis ins 17. oder 18. Jahrhundert auf die Architektur beschränkt und wurde ausschließlich im Sinne von „Konstruktion“ gebraucht. Diese Auffassung wandelte sich jedoch im Zuge der Kritik am Funktionalismus der Moderne. Mit dem Aufkommen des Strukturalismus galt laut Schweizer Architekturtheoretiker Arnulf Lüchinger eine andere Definition von Struktur in Architektur und Städtebau: „Sie ist ein Ganzes von Beziehungen, worin die Elemente sich verändern können und zwar so, dass sie vom Ganzen unabhängig bleiben und ihren Sinn erhalten. Das Ganze ist selbständig in Bezug auf die Elemente. Die Beziehungen der Elemente sind wichtiger als die Elemente selbst. Die Elemente sind austauschbar, nicht aber die Beziehungen.“ 1 In diesem Sinne suchte man mit Hilfe strukturalistischer Ansätze nach fundamentalen Bau- und Anordnungsprinzipien, in denen Lebensräume entstehen sollten, die offen sein mussten für Wandel und Veränderung durch die Bewohner. Der Funktionalismus hatte im Gegensatz dazu stets spezifische Räume für spezifische Funktionen gefordert, was in der Regel zur Entstehung starrer, kaum wandlungs- und anpassungsfähiger Raum- und Ordnungsgefüge führte. Neben Aldo van Eyck galt der Niederländer Herman Hertzberger als einer der führenden Protagonisten der strukturalistischen Architekturbewegung. Er unterstrich die Wert des Archetypischen und forderte den engen Bezug zwischen Gegenwart und Vergangenheit: „Jede Lösung an irgendeinem Ort und zu verschiedener Zeit ist eine Interpretation des Archetypischen; im Allgemeinen und besonderen [...]. Wir können nur etwas Neues schaffen im Sinne einer anderen Interpretation bestehender Bilder, diese neu bewerten und sie für unsere Situation geeignet machen. [...] Entwerfen kann nichts anderes sein als fortbauen auf dem Darunterliegenden und es sozusagen verbauen. Der Gedanke, jemals von einem unbeschriebenen weißen Blatt auszugehen und dieses unvermeidlich mit unwirklichen und sterilen Konstruktionen zu füllen, ist unsinnig und hat auch negative Folgen.“ 2 Neben diesen zentralen Punkten rückten weitere Aspekte den Strukturalismus während der achtziger Jahre in den Mittelpunkt des landschaftsarchitektonischen Interesses, nämlich die Veränderungs-, Wachstums- und Wandlungsfähigkeit, die die Strukturalisten in Architektur und Städtebau forderten: „Wir stehen vor der Notwendigkeit, eine Struktur oder Formen zu 1 Lüchinger, Arnulf: Strukturalismus in Architektur und Städtebau. Stuttgart 1981; S.16 2 Hertzberger, Herman zit. aus: Lüchinger, Arnulf: Strukturalismus in Architektur und Städtebau. Stuttgart 1981; S.24