Weingart, Die Wissenschaft der Öffentlichkeit © Velbrück Wissenschaft 2005
Peter Weingart
Die Wissenschaft der Öffentlichkeit
Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
© Velbrück Wissenschaft 2005
1. Öffentlichkeiten und Legitimation der Wissenschaft
Umfragen in der Bevölkerung ergeben seit vielen Jahren immer wieder das gleiche Bild: etwa
die Hälfte sind zustimmende bis enthusiastische Anhänger der Wissenschaft, die andere
Hälfte ist desinteressiert bis ablehnend ihr gegenüber. Kaum eine andere Institution erfreut
sich eines so großen generellen Vertrauens und stößt doch gleichzeitig auf so viele
Befürchtungen, wenn es um spezifische Entdeckungen und ihre praktische Umsetzung geht.
Einstein und Frankenstein sind die Ikonen der Wissenschaft, Seite an Seite.
Die moderne Wissenschaft besitzt nicht die gleiche Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft,
wie andere Institutionen. Die Funktionalität wissenschaftlichen Wissens wird von ihr zwar
seit dem 17. Jahrhundert behauptet. Zugleich ist dieses Versprechen jedoch mit dem
grundsätzlichen Vorbehalt versehen, dass der letztgültige Beweis für die Nützlichkeit erst im
Nachhinein erbracht werden kann, dass der Zeitraum bis dahin ungewiss ist, da es sich bei
Forschung um einen Vorstoß in Neuland handelt, und dass die Regeln, mit denen das
nützliche Wissen zu produzieren ist, keiner Kontrolle und keines Eingriffs von außen
zugänglich seien. Da es der Wissenschaft um neues Wissen geht, gelten diese Bedingungen
als unerlässlich. Sie bedarf der gesellschaftlichen Ressourcen, aber sie entzieht sich zugleich
der Kontrolle ihrer Verwendung. Ein Wirtschaftsbetrieb scheitert am Markt, wenn er nicht das
richtige Produkt herstellt oder in schlechter Qualität. Der Wissenschaftler kann nicht in
gleicher Weise scheitern, weil er immer unter dem Vorbehalt forscht, das Ergebnis nicht
kennen zu können, und im Fall des Misserfolgs sei eben dies das hinzunehmende Ergebnis.
Damit bleibt die Wissenschaft aber auf prekäre Weise ›in Distanz‹ zur Gesellschaft. Diese
Distanz ist systematischer Art, sie ist keine Frage des guten bzw. schlechten Willens der
Wissenschaftler, sich (nicht) verständlich mitteilen zu wollen. Sie ist ein vielmehr Ergebnis