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Der Anaesthesist 12·99
Originalien
884
A. Biedler
1
· S. Juckenhöfel
1
· R. Larsen
1
· F. Radtke
1
· A. Stotz
1
· J. Warmann
1
· E. Braune
2
A. Dyttkowitz
2
· F. Henning
2
· B. Strickmann
2
· P.M. Lauven
2
1
Klinik für Anaesthesiologie und Intensivmedizin, Universitätskliniken des Saarlandes,
Homburg/Saar
2
Abteilung für Anästhesie, Städtische Kliniken Mitte, Bielefeld
Postoperative Störungen der
kognitiven Leistungsfähigkeit
bei älteren Patienten
Die Ergebnisse der „International Study
of Postoperative Cognitive Dysfunction“
(ISPOCD 1)*
Störungen der kognitiven Leistungs-
fähigkeit nach einem operativen Ein-
griff sind ein seit langem bekanntes
Problem. Das Spektrum reicht von vor-
übergehenden, eher geringen Beein-
trächtigungen (z.B. verminderte Kon-
zentrationsfähigkeit) bis hin zu ausge-
prägten und anhaltenden Störungen.
Zahlreiche Untersuchungen wurden zu
dieser Thematik bereits publiziert. Eine
der ersten Veröffentlichungen hierzu
stammt von Bedford 1955, der bei 10%
der über 65jährigen anhaltende kogni-
tive Störungen feststellen konnte [2]. In
der neueren Literatur wird für post-
operative kognitive Dysfunktionen
(POCD) bei älteren Patienten, in Ab-
hängigkeit von der Dauer des postope-
rativen Beobachtungszeitraums, eine
Häufigkeit von 10–60% genannt [33].
Besonders betroffen sind dabei Patien-
Originalien
Anaesthesist
1999 · 48:884–895 © Springer-Verlag 1999
Zusammenfassung
Fragestellung: Störungen der kognitiven
Leistungsfähigkeit nach operativen Eingrif-
fen sind ein Problem, von dem besonders
ältere Patienten betroffen zu sein scheinen.
Das Ziel der vorliegenden internationalen
Multizenterstudie war die Bestimmung der
Häufigkeit sowohl frühzeitiger als auch län-
gerfristig andauernder kognitiver Störungen
(POCD) bei älteren Patienten. Als mögliche
Ursachen sollten speziell die Einflüsse von
arterieller Sauerstoffsättigung und arteriel-
lem Blutdruck untersucht werden.
Methodik: Untersucht wurden 1218 Patien-
ten mit einem Alter von zumindest 60 Jah-
ren, die sich einem größeren, nicht-kardio-
chirurgischen Eingriff in Allgemeinanästhe-
sie unterziehen mußten. Die Messung der
arteriellen Sauerstoffsättigung erfolgte
kontinuierlich mittels Pulsoxymeter vom
Narkosebeginn bis zum nächsten Morgen
sowie während der darauffolgenden zwei
Nächte. Der Blutdruck wurde vom Narkose-
beginn bis zum Operationsende alle 3 min
und danach bis zum nächsten Morgen alle
15–30 min gemessen. Die Erfassung kogniti-
ver Dysfunktionen erfolgte mittels psycho-
metrischer Tests,die präoperativ sowie 1 Wo-
che und 3 Monate postoperativ durchge-
führt wurden und mit den Ergebnissen eines
englischen Probandenkollektivs (n=176)
sowie eines Kollektivs mit 145 Probanden
aus den an der Untersuchung beteiligten
Ländern verglichen wurden.
* Nationale Publikation nach der gemeinsamen
Publikation der ISPOCD 1 Gruppe:J.T.Moller,P.
Cluitmans, L.S. Rasmussen, P. Houx, H. Rasmussen,
J. Canet, P. Rabbitt, J. Jolles, K. Larsen, C.D. Hanning,
O. Langeron,T. Johnson, P.M. Lauven, A. Biedler,
H. van Beem, O. Fraidakis, J.H. Silverstein,
J.E.W. Beneken, J.S. Gravenstein: Long-term post-
operative cognitive dysfunction in the elderly:
ISPOCD 1 study. Lancet (1998) 351: 857–861
Dr. A. Biedler
Klinik für Anaesthesiologie und Intensivmedizin,
Universitätskliniken des Saarlandes,
D-66421 Homburg/Saar& / f n - b l o c k : & b d y :
Ergebnisse: Während alle drei Kollektive in
ihren Ausgangsvariablen vergleichbar wa-
ren, zeigte sich 1 Woche nach der Operation
eine Verschlechterung der kognitiven Funk-
tionen bei 26% der Patienten, nach drei
Monaten bei 10%. Für die frühe kognitive
Dysfunktion bestand ein Zusammenhang
mit höherem Lebensalter,Anästhesiedauer,
geringer Schulbildung, zweiter Operation,
postoperativen Infektionen sowie respirato-
rischen Komplikationen. Für die anhaltende
Beeinträchtigung konnte nur höheres
Lebensalter als signifikanter Risikofaktor
nachgewiesen werden. Hypoxämie und
Hypotension waren ohne Einfluß.
Schlußfolgerung: Mit der vorliegenden Un-
tersuchung konnten anhaltende Störungen
der kognitiven Funktionen bei älteren
Patienten nach größeren Operationen in
Allgemeinanästhesie definitiv nachgewiesen
werden. Allerdings ließen sich keine präven-
tiv oder therapeutisch angehbaren Einfluß-
faktoren bestimmen, so daß Ätiologie und
Pathophysiologie von POCD nicht weiter
geklärt werden konnten.
Schlüsselwörter
Postoperative Störungen ·
Leistungsfähigkeit, kognitive ·
Ältere Patienten