72 Ganz und gar LEBEN, nicht LEHRE. Eine aufagenübergreifende Sichtung des Stichwortes Me- thodist/Methodismus im Lexikon Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG 1-4 ) Dave Jäggi 1. Einleitung 1.1 Die RGG als meinungsbildende Autorität Das mehrbändige Lexikon Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) er- schien erstmals zu Anfang des 20. Jahrhunderts (RGG 1 , 1909-1913) und hat rasch theologiegeschichtliche Bedeutung erlangt. 1 Bereits diese erste Aufage war ge- prägt vom Ziel, „wesentliche Phänomene des religiösen und kirchlichen Lebens und die zu diesem Leben gehörende theologische Refexion zur Darstellung [zu] bringen“. 2 Als Adressaten von RGG 1 waren vorgesehen: „die Akademiker aller Fakultäten, die modernen Politiker im weitesten Sinne, die Pfarrer aller Kirchen, die Lehrer aller Schulen, die gebildeten und bildenden Frauen, die Beamten, […]“ und „die vielen, welche ohne Beruf oder Neigung zur Führerschaft doch ein selbständiges Interesse an der religiösen Bewegung der Gegenwart nehmen“. 3 Um dieses liberale Bildungsbürgertum 4 zu erreichen, wurde auf die Verbindung von „Wissenschaftlichkeit und populäre[r] Darstellung“ gesetzt. 5 Wenige Jah- re später wurde bereits eine vollständig überarbeitete Neuaufage veröfentlicht (RGG 2 , 1927-1931). Zwischen der zweiten und dritten Aufage vergingen danach weit mehr als 20 Jahre (RGG 3 , 1957-1965), wobei sich die RGG 3 mit 6 Bän- den umfangreicher darstellte als die beiden Vorgängerversionen mit je 5 Bän- den. Mit Aufagezahlen von mehr als 40.000 hat sich die RGG 3 im unübersicht- lichen Markt von Lexika und Nachschlagewerken behauptet. Im Übergang zum 1 Vgl. Ruth Conrad, Lexikonpolitik: Die erste Auflage der RGG im Horizont protestantischer Lexikographie, Ber- lin/New York 2006, S. 2. 2 Hans Dieter Betz u.a., Vorwort zur vierten Auflage, Bd. 1, RGG 4 , S. V. 3 Werbeprospekt zur RGG 1 , zitiert in: Conrad, Lexikonpolitik (wie Anm. 1), S. 287; Hervorhebung im Original. 4 Dass die RGG 1 nur dem vermögenden Publikum zugänglich war und damit viele „selbständig Interessierte“ aus- schloss, zeigt deren Preis. Im Jahr 1913 kostete das Lexikon in der günstigeren, broschierten Form 130 Reichs- mark (Conrad, Lexikonpolitik (wie Anm. 1), S. 256). Dies entsprach damals ungefähr dem 1,5-fachen eines durch- schnittlichen Monatslohns von 87 Reichsmark. Die komplette RGG 4 war nach 2005 in der broschierten Studien- version zeitweise für gerade mal 100 Euro erhältlich. Gemessen am Reallohn kostete die RGG 4 demnach nur noch rund ein Siebzigstel(!) des Preises der ersten Auflage. Dies macht auch die gegenwärtige Wissensinflation deutlich, die durch digitale Medien exponentiell voranschreitet. 5 Conrad, Lexikonpolitik (wie Anm. 1), S. 288.