1 Der political turn und die Erhaltung der Arten Peter Niesen Erscheint in Frank Adloff/Tanja Busse (Hg.), Rechte der Natur. Frankfurt/M.: Campus. Der political turn in den Studien des Mensch-Tier-Verhältnisses verdankt sich der Einsicht, dass Tiere und Menschen einander nicht in einem Naturzustand gegenüberstehen. Ihre Beziehungen sind vielmehr durch und durch politisch, geprägt von struktureller Unterwerfung, Beherrschung, Ausbeutung und Bedrohung, von Verteilungskonflikten und dem Ringen um gerechte Ansprüche, aber auch von Gefährtenschaft, Kooperation und wechselseitiger Abhängigkeit. In ihrem bahnbrechenden Buch Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte (dt. 2013) haben Sue Donaldson und Will Kymlicka drei Arten politischer Beziehungen zwischen Tieren und Menschen identifiziert, aus denen sie je unterschiedliche Ansprüche ableiten: das Verhältnis zu domestizierten Tieren, die mit Menschen durch eine gemeinsame Geschichte der Züchtung, Abhängigkeit und enger Koexistenz verbunden sind; die Beziehungen zu Kulturfolgern oder „Tieren im Schwellenbereich“, die sich in der Nähe menschlicher Behausungen ansiedeln, aber keinen Wert auf eine enge Verbindung legen; sowie schließlich das Verhältnis zwischen Staaten und Wildtierkollektiven, die Donaldson und Kymlicka als territorial „souveräne“ Populationen begreifen. Während domestizierte Tiere unseren Gemeinwesen als politisch zu repräsentierende Mitglieder eingegliedert werden sollen, sollen Tiere im Schwellenbereich ein Aufenthaltsrecht genießen und Wildtierpopulationen durch ein Interventionsverbot vor menschlichen Eingriffen geschützt werden (Donaldson/Kymlicka 2013, 118ff.). Die Ansätze des political turn sind auf Fragen politischer Koexistenz und Kooperation zwischen Menschen und Tieren spezialisiert. Sie haben bisher wenig Substantielles zu Themen wie dem Artenschutz oder der Artenvielfalt beigetragen, ganz zu schweigen von einem Recht der Natur oder der jeweiligen Spezies auf Arterhaltung. Im Gegenteil positionieren sich etwa Donaldson und Kymlicka gegen systemische Ansätze der Biodiversität, die zugunsten ökologischer