Václav Petrbok „Entlass deine Getreuen nicht mehr weiter in die Welt, / nur die, die dir sehnsüchtig wieder entgegeneilen“: die persönlichen und familiären tschechisch-deutschen Affnitäten Otokar Fischers 1 Der Ausschnitt aus dem Gedicht Má vlast [Mein Heimatland] aus Fischers Sammlung Poslední básn [Letzte Gedichte] (Fischer 1938a: 27) 2 , den ich mir als Zitat für die Überschrift dieses Beitrags ausgeborgt habe, äußert sich mit poe- tischen Mitteln auch zum Thema des tschechisch-deutschen Bilingualismus Otokar Fischers und seiner kulturellen „Zweihäusigkeit“. Fischer bewegte sich im Grenzgebiet zwischen Kunst und Wissenschaft, aber auch zwischen den beiden Sprachen, die er souverän beherrschte. Obwohl uns der Autor in seinem gesamten, umfangreichen Werk in ungewöhnlichem Maße suggestive Anspielungen und Verweise auf dieses Phänomen hinterlassen hat – und auch bei dieser Gelegenheit werde ich ohne Beweise dieser Provenienz nicht aus- kommen –, richtet sich meine Aufmerksamkeit dennoch auf der Basis von Archivmaterialien persönlicher und amtlicher Provenienz vornehmlich auf die Analyse von Fischers sprachlicher Biographie, ergänzt um (bis zu einem gewissen Grade spekulative) Überlegungen zu deren Rolle in Fischers fach- lichem und künstlerischen Wirken. Einen solchen Versuch der kultursoziolo- gischen Sondierung zur Verwendung des Tschechischen und des Deutschen halte ich für produktiver als die, im Übrigen der Zeit geschuldeten, Über- legungen zu Fischers „češství“ [Tschechentum] bzw. „Judentum“, die von seinen Interpreten und Freunden Josef Brambora und Pavel Eisner 3 angestellt 1 Der Beitrag entstand mit der großzügigen Unterstützung von der Alexander von Humboldt- Stiftung. Den Hinweis auf einige Quellen sowie mehrere Gespräche (nicht nur über sie) verdanke ich Ladislav Jouza, Daniel ehák und Michal Topor. Die spätere Forschungs- literatur (vor allem Hájek 2016) konnte nicht berücksichtigt werden. 2 Orig. Wortlaut: „Své vrné už nepouštj do svta víc, / jen ty, kdo zas v touze ti spchají vstíc“. Erstmals abgedruckt in: Lidové noviny (23.11.1937). 3 Josef Brambora (1948: 75) hält fest: „k svému češství se Otokar Fischer vždy hlásil, i když byl výchovou či spíše školením odvádn ke kosmopolitismu.“ [Zu seinem Tschechentum bekannte sich Otokar Fischer immer, auch wenn er der Erziehung bzw. seiner Ausbildung nach eher zum Kosmopolitismus geführt worden war.“] Pavel Eisner (1938/39: 72) urteilt, dass es eine „svrchovan český zpsob, jakým hodnotil [O. Fischer, pozn. VP] své zjevy Otokar Fischer (1883–1938) downloaded from www.vr-elibrary.de by Václav Petrbok on May, 10 2021 For personal use only.