Geschichtsbetrachtung und Werteorientierung bei Nepos und Sallust F.-H. MUTSCHLER (DRESDEN) Die römische Geschichtsschreibung der republikanischen Zeit ist uns - auch wenn man Geschichtsschreibung in einem weiten Sinn versteht - nur sehr bruchstückhaft überliefert. Außer den autobiographischen Kommentarien Caesars sind uns überhaupt nur Werke bzw. größere Werkteile zweier Auto- ren erhalten: die Monographien über die Verschwörung des Catilina und den Jugurthinischen Krieg des Sallust sowie das Buch über die nichtrömischen Feldherrn und zwei einzelne Lebensbeschreibungen aus der Biographien- Sammlung De viris illustribus des Cornelius Nepos. Die beiden Autoren und ihre Werke haben in der Wissenschaft eine höchst unterschiedliche Resonanz erfahren. Während Sallust einer der meistuntersuchten römischen Autoren war und ist, 1 wurde Nepos lange Zeit mehr als stiefmütterlich und teilweise mit expliziter Verachtung behandelt. 2 Indes soll hier nicht über die Berech- tigung solch ungleicher Behandlung gestritten, sondern durch einen unvor- eingenommenen Vergleich zu ihrer praktischen Überwindung beigetragen werden. Was einen solchen Vergleich nahelegt, ist der Umstand, daß mit den ge- nannten Werken zur selben Zeit und am selben Ort Texte ähnlichen Inhaltes entstehen: Sowohl die Monographien des Sallust als auch die Biographien des Nepos werden zur Zeit der ausgehenden Republik in Rom verfaßt, 3 und 1 Man vergleiche die einschlägigen Abschnitte in L'anneephilologique und stelle dabei in Rechnung, daß Sallusts erhaltenes (Euvre eher schmal ist. 2 Immerhin erfahrt er in den letzten Jahrzehnten etwas mehr Sympathie und Auf- merksamkeit. Um ein (begründetes) positiveres Neposbild bemühen sich z.B.: T.G MCCARTY, Cornelius Nepos. Studies in his Technique of Biography, Diss. University of Michigan 1970, 1-3 und 111-131, bzw. auf der Basis der Dissertation: The Content of Cornelius' Nepos' De viris illustribus, CW 67,1974, 383-391; J. GEIGER, Cornelius Nepos and Ancient Political Biography, Stuttgart 1985; A.C. DIONISOTTI, Nepos and the Gener- als, JRS 78, 1988, 35-49; N. HOLZBERG, Literarische Tradition und politische Aussage in den Feldherrnviten des Cornelius Nepos, Anregung 35, 1989, 14-27; C. TUPLIN, Nepos and the Origins of Political Biography, in: C. DEROUX (Hg.), Studies in Latin Literature and Roman History X, Brüssel 2000, 124-162; F.TlTCHENER, Cornelius Nepos and the Biographical Tradition, G&R 50, 2003, 85-99. In diesen Arbeiten finden sich auch Zu- sammenstellungen teilweise grotesk negativer Urteile - auch jüngeren Datums - über Nepos. Dazu kommen Untersuchungen, die einzelnen Biographien (insbesondere, aber nicht nur der des Atticus) gewidmet sind. 3 Die Abfassung der historischen Werke des Sallust fällt mit größter Wahrscheinlichkeit in das Jahrzehnt zwischen der Ermordung Caesars (44 v. Chr.) und Sallusts eigenem Tod