285 Zur Rolle der Orthografie im Kontext mehrsprachiger Schreibfertigkeiten: Erste Ergebnisse einer Studie mit deutsch-russischen und deutsch-türkischen Jugendlichen ANJA MÜLLER, CHRISTOPH GABRIEL, IRINA USANOVA, BIRGER SCHNOOR, THORSTEN KLINGER UND INGRID GOGOLIN 1 Einleitung Zum Erwerb konzeptioneller Schriftlichkeit und insbesondere bildungssprachlicher Kompetenzen 1 im Deutschen durch mehrsprachige Kinder und Jugendliche liegen bereits umfangreiche empirische Studien vor, die sowohl im Rahmen größerer Modellprogramme und Projekte wie etwa FörMig („Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“, Förderzeitraum: 2004-2009, vgl. Len- gyel 2010; Gogolin/Lange 2011; Gogolin et al. 2011), LiMA („Linguistic Diversity Management in Urban Areas“, 2009-2014, vgl. Klinger 2015; Knigge et al. 2015) oder MEZ („Mehrsprachigkeitsentwicklung im Zeitverlauf “, 2014-2019, vgl. Brandt et al. 2017; Gogolin et al. 2017; Klinger et al. 2019) als auch im Rahmen von Einzelstudien durchgeführt wurden (vgl. Heppt et al. 2014 sowie die Qualifi- kationsschriften von Petersen 2014, Mochalova 2016 oder Schnoor 2019).Weniger im Fokus standen bislang die ‚Oberflächeneigenschaften‘ der Sprachproduktion, d.h. die Aussprachefertigkeiten mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher im Deutschen, in den Herkunftssprachen und in den gelernten Schulfremdsprachen (Gabriel et al. 2015; Gabriel et al. 2018) einerseits und deren Rechtschreibkompetenzen in den unterschiedlichen Sprachen andererseits. Im Rahmen eines Forschungsüberblicks zum „Orthographie- und Schriftspracherwerb in mehreren Sprachen“ – so der Titel des Beitrags – konstatieren Noack/Weth (2012, S. 29) für den deutschsprachigen Raum, dass „die Forschung zum mehrsprachigen Schriftspracherwerb […] noch in den Anfängen“ stecke (vgl. auch Weth 2010a). Gleichwohl liegen mittlerweile einige internationale Studien vor, die sich mit Fragen des Schrifterwerbs unter Bedin- 1 Unter (konzeptioneller) Schriftlichkeit verstehen wir mit Koch/Oesterreicher (2011) das dis- tanzsprachliche Register einer Sprache, das sich auf allen Ebenen (Aussprache, Wortschatz, Grammatik) von der im familiären Kontext erworbenen Nähesprache unterscheidet und das u.a. im Erziehungssystem erlernt wird. Davon unterscheiden wir mit dem Begriff Schreibung die grafische Notation von Sprache. Zum Verhältnis von konzeptioneller Schriftlichkeit und Bildungssprache, womit wir mit Gogolin/Lange (2011, S. 111f.) auf das im Kontext formaler Bildung besonders relevante Register Bezug nehmen, vgl. Fornol (2017). In: Scherger, Anna-Lena/ Lütke, Beate/ Montanari, Elke/ Müller, Anja/ Ricard Brede, Julia (Eds.): Deutsch als Zweitsprache – Forschungsfelder und Ergebnisse. Freiburg: Fillibach bei Klett, 285–307. UNCORRECTED PROOFS