1 Der Blick nach Süden: Globalisierung im Sozialismus Stefan B. Kirmse Öffentlicher Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät 17. Januar 2018 Einführung Zum 50. Jahrestag des Bestehens der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik sagte der Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Alexej Kosygin, 1974 Folgendes: „Die Erfahrung beim Aufbau des Sozialismus in ehemals rückständigen Regionen und die Erfahrung bei der Lösung der nationalen Frage, die Kirgisien und andere Republiken gemacht haben, haben die marxistisch-leninistische Lehre bereichert und dem Großteil der Menschheit – den Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas – eine revolutionäre Perspektive eröffnet.“ 1 An anderer Stelle preist er den Wandel einer Region, die in vorsowjetischer Zeit noch von „nomadischer Tierzucht und primitiver Landnutzung“ geprägt war, hin zu einer Industriegesellschaft mit hochqualifizierten Spitzenkräften. Diese Gesellschaft habe zudem die ethnischen und religiösen Konflikte vergangener Tage überwunden. In der Tat waren manche Entwicklungen in der Region, vor allem im Vergleich mit Nachbarländern, gute Verkaufsargumente für das sowjetische Modernisierungsmodell – von makroökonomischen Indikatoren im Bereich Produktion und Konsum über das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die stetig wachsende Zahl kultureller Einrichtungen. Dem Selbstverständnis und zunehmend auch der Außenwahrnehmung nach war man im sowjetischen Zentralasien Teil der sozialistischen und somit „entwickelten“ Welt, anders etwa als das nicht weit entfernte Indien, das noch routinemäßig als Dritte-Welt-Land bezeichnet wurde. Zwischen Ost und Süd gab es vielfältige Verbindungen, nicht nur weil die Frage des Exports sozialistischer Ideen in die Länder des Südens im Raum stand. Indische Fachkräfte, Studierende und Kulturgüter zum Beispiel waren Teil der poststalinistischen Gesellschaft, gerade in Zentralasien. Einer von ihnen war Devendra Kaushik. Nach einem Studium in Indien promovierte der Historiker zunächst in Taschkent und verbrachte die Zeit von 1972 bis 1974 am Orient-Institut in Moskau. In seinem 1976 publizierten Buch „Sozialismus in Zentralasien“ fragte er schließlich, inwiefern die Region als Modell für die Dritte Welt dienen könne. Manches davon erinnert zunächst sehr an die Worte Kosygins: „Von einer ehemals rückständigen Kolonie des zaristischen Russland wurde das sowjetische Zentralasien in eine Region hoch entwickelter Industrie und moderner Landwirtschaft mit einem fortgeschrittenen Grad an Kultur transformiert. Das Problem der Beziehungen zwischen den 1 Aus: „Fünfzig Jahre sowjetisches Kirgisien: Rede des Genossen A. N. Kosygin“, in: Prawda, 3. November 1974.