Stefan Drees „And in it the machine operates“ Rhythmus, Energie und Maschine in der Musik der 1910er- und 1920er-Jahre Es handle sich um eine „mechanische, aus beweglichen und unbeweglichen Ele- menten zusammengesetzte Vorrichtung, die Kraft überträgt oder Arbeitsgänge ganz, auch teilweise selbstständig verrichtet oder Energie aus einer Form in eine an- dere umwandelt“, so die Definition der Maschine aus dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. 1 Mit anderen Worten: Kraft oder – noch allgemeiner – Ener- gie gleich welcher Art ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Maschinen über- haupt funktionieren. Durch die maschinellen Bewegungen und die damit verknüpf- ten, vor allem rhythmisch bestimmten Klänge wiederum wird das physikalische Mo- ment der Kraftübertragung – gleichsam als transformierte Energie – in den Bereich sinnlicher Wahrnehmung gerückt. Ausgehend von dieser Vorstellung setzt sich der nachfolgende Beitrag, seinen Blickwinkel auf einen Zeitraum von knapp anderthalb Jahrzehnten zwischen 1912 und 1927 eingrenzend, mit einzelnen Versuchen ausein- ander, die Funktionsmechanismen von Maschinen assoziativ mit Musik in Verbin- dung zu bringen. Konfrontiert werden diese Beispiele mit ausgewählten Musikstü- cken, die sich kompositorisch mit dem Wesen von Maschinen auseinandersetzen. I 1920, zwei Jahre vor der amerikanischen Erstaufführung von Igor Strawinskys Le Sacre du printemps (1911–13), befasste sich der amerikanische Musikkritiker Paul Rosenfeld in seinem Essay Strawinsky mit dieser Komposition und beschrieb sie als Musik, in der sich das Wesen einer Maschine manifestiere. 2 Mit dieser Deutung hat sich Barbara Zuber in ihrem Aufsatz The Machine-Man. Strawinsky und die Phantas- men der Moderne 3 ausführlich auseinandergesetzt und dabei auf den besonderen Sprachgebrauch hingewiesen, mit dem Rosenfeld über den Inhalt seiner Ausführun- 1 Artikel „Maschine“, in: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache; www.dwds.de/wb/Maschi- ne (letzter Zugriff am 7. August 2020). Die Definition stammt aus dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, hrsg. von Ruth Klappenbach und Wolfgang Steinitz, Berlin (DDR) 1974. 2 Paul Rosenfeld, „Strawinsky“, in: The New Republic 22 (1920), S. 207–210, vgl. auch ders., Musi- cal Portraits. Interpretations of Twenty Modern Composers, New York 1920, S. 191–204. Hinwei- se auf die kulturhistorische Bedeutung von Rosenfelds in Buchform versammelten Komponisten- porträts und auf die Besonderheiten seiner Betrachtungsweise finden sich bereits bei Herbert Leibowitz, „Remembering Paul Rosenfeld“, in: Salmagundi 9 (1969), S. 3–27. 3 Barbara Zuber, „The Machine-Man: Strawinsky und die Phantasmen der Moderne“, in: Strawins- kys „Motor drive“, hrsg. von Monika Woitas und Annette Hartmann, München 2010 (Aesthetica theatralia 7), S. 157–178. 1