Koloniale Diversität: Die afektiven Regierungsmodi des Liberalismus am Beispiel des Humboldt Forums Paola Ivanov, Jonas Bens Am 2. Juli 2002 beschloss eine Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Bundestag, in der Mitte Berlins eine Rekonstruktion des im zweiten Welt- krieg zerstörten Preußischen Schlosses bauen zu lassen (Deutscher Bundestag 2002). Auf Grundlage des Berichts einer internationalen Expert*innenkom- mission sollte im rekonstruierten Berliner Schloss »ein neuartiges Konzept für das 21. Jahrhundert« entstehen, ein »Ort des Dialogs, der bürgerschaft- lichen Teilhabe und der gleichrangingen Zeitgenossenschaft der Weltkultu- ren«. 1 In diesem »Humboldt Forum« sollten vor allem »außereuropäische« Objekte ausgestellt werden, die bis dahin im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin im Standort Dahlem im Südwesten der Stadt aufbewahrt wurden. Die Formulierung der »gleichrangingen Zeitgenossenschaft der Weltkulturen« atmete den Geist der auf die späten 1980er und die 1990er Jahre zurückgehenden Globalisierungs- debatte, die noch von der optimistischen Vision geleitet war, dass weltum- spannende Bewegungen von Menschen, Ideen und Waren eine zunehmen- de globale Gleichheit und einen neuartigen Kosmopolitismus stiften würden (Beck 2004). Innerhalb dieser neuen globalen Weltgesellschaft suchte die wie- dervereinte »Berliner Republik«, ihren Platz auch kulturell zu behaupten. Befürworter*innen der Idee eines Museums für »außereuropäische Kul- turen« im rekonstruierten Berliner Stadtschloss hoben zu dieser Zeit hervor, dass Deutschland sich mit diesem Projekt positiv auf den preußisch geprägten Kosmopolitismus des 19. Jahrhunderts beziehe, wie er von den Gebrüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt verkörpert werde. Die Kunsthistori- ker Horst Bredekamp und Peter-Klaus Schuster, selbst Berater der genannten Expert*innenkommission des Bundestages (2002), beschrieben das ideelle Erbe der Humboldts als einen »antikolonialen Universalismus«, der mehrere 1 Empfehlungen und Abstimmungen der Expertenkommission, 19.11.2001. Dokumen- tiert in Bredekamp und Schuster (2016a, 307).